Gleich zu Beginn stellte der Religionspädagoge und Theologe Essmann fest, dass sich dieses Vortragsthema „erst in der Pension eigne, weil da einem nix mehr passieren kann.“ Viele Priester haben eine Art Stillhalteabkommen mit den Gläubigen geschlossen. Wie konnte ein so eindeutiges Auseinanderklaffen von Lehrmeinung und Praxis geschehen? Schließlich gibt es die mehrere tausend Jahre alte Vorgabe, dass Sexualität ein Gottesgeschenk ist, über das der Mensch verfügen darf. Mit der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau war die Lust zueinander erschaffen, so Essmann.

Ein „Spanner“ im Alten Testament?

Einige Texte des Alten Testaments sind geradezu eindeutig, wie z. B. im zweiten Buch Samuel (Anm. Kap. 11), bei König David, der vom Dach ins Nachbarhaus blickt, und dort eine Frau beim Baden sieht. „Heute würde man so jemanden wohl als Spanner bezeichnen“, so der Professor. Und nicht nur das, er schwängerte sie, und sorgte dafür, dass ihr Mann in einer Schlacht starb. Später holte er die Frau zu sich, wo sie ihm einen Sohn gebar. Danach bekamen sie ein weiteres Kind: Salomon ist so entstanden!

Das Alte Testament ist voll von Liebesgeschichten: „König Salomon und die Königin von Saba, das Hohe Lied der Liebe. Die waren nie miteinander verheiratet“, so Essmann. Und: „Manchen Kirchenvätern war das Hohe Lied peinlich. Das darf man nicht wörtlich nehmen, hat es geheißen.“

Das Thema Liebe setzt sich im Neuen Testament fort. Paulus erwähnt es mehrmals in der Apostelgeschichte. Die höchste Gabe Gottes ist die Liebe! Und Augustus meint: Liebe, und tue, was Du willst. Denn es kann nur gut sein.

Und Gott schuf …

Am Anfang schuf Gott die Welt, danach schuf er Mann und Frau. Dabei steht Adam im Hebräischen für „Erdling“, und Eva für „lebendig“. Erst später wurden daraus Adam als Mann und Eva als Frau gemacht. „Und wie bei der Geschichte mit der Verführung durch die Schlange zeigt, kommen ab da die Frauen nicht gut weg“, so Essmann.

Die Rivalität zwischen christlicher Religion und Sexualität liege wohl auch daran, dass sich die Christen im griechischen Raum ausgebreitet und dabei die Denkschule der Stoiker übernommen haben: die Seele ist schön und rein, der Körper ist lustbetont.

Bis dahin hatte man die Sexualität als elementare Kraft gesehen. So heißt es bei den Juden im Talmud, Jebamot 62b:„Wer keine Frau hat, lebt ohne Freude, ohne Glück, ohne Seligkeit." Dass Paulus dachte, unverheiratet bleiben sei besser, erklärte Essmann so: „Paulus hat gedacht, dass der Messias gleich kommen wird. Und dass man den dann verpasst, weil man gerade dabei ist, sich eine Frau zu suchen. Das wäre ja echt blöd.“

Die letzten 50 Jahre

Die 1968 erschienene Enzyklika „Humanae Vita“ verbot künstliche Verhütungsmittel. Die deutschen und österreichischen Bischöfe erklärten dann, dass jedes Ehepaar Entscheidungshilfen suchen solle, aber letztendlich nach bestem Wissen und Gewissen selbst zu entscheiden habe.

Das Schlussdokument der Familiensynode 2015, das Papst Franziskus im April 2016 herausgegeben hat, ist ein Beispiel von südamerikanischer Pastorale, von einer Revolution von ganz oben, so Essmann. Dieses Dokument sei voll von Lebensnähe und Herzenswärme, denn Barmherzigkeit hat Vorrang vor allem. Essmann: „Durch dieses Dokument hat die Lust Eingang in die Theologie gefunden.“ #Österreich #Glaube #Kirche