Vor diesen Hohenzollerschen Jagdschlächtern macht sich Friedrich Wilhelm I. nun über seinen Sohn spotthaft lustig, weil dieser sich in seiner Jugend davor drückte, Tiere hinterrücks abzuknallen. Zum Ärger seines sanguinischen Vaters las der Sohn lieber Bücher und wandte sich der Musik zu – statt das Jagdhandwerk in preußischer Ausprägung zu erlernen. Um Prügel, Beschimpfungen und andere Herabwürdigungen zu vermeiden, versucht der junge Friedrich, seinen Vater gelegentlich zufrieden zu stellen. Und nun kommt dieser auf den Punkt. Er liest einen Jagdbericht seines achtjährigen Sohnes vor und bricht wieder in prustendes Lachen aus. Am 8. Oktober 1720 schreibt der Thronfolger aus Küstrin: „Mein lieber Papa! … Ich bin … mit dem Schnupfen und Husten stark geplaget gewesen; dennoch bin ich im anfang auf der #Jagd gewesen, und habe mein erstes Huhn im Fluge geschossen.“ Und dieses Huhn, skandiert Friedrich Wilhelm, sei doch tatsächlich das einzige Stück Wild gewesen, das dieser Jammerlappen je in seinem Leben schoss. Es ist übrigens nicht wahr, Friedrich hat noch mit wenigen weiteren Schüssen seinem Vater gefallen wollen.

Jäger Honecker als „lustiger Rat“

Nachdem sich die Heiterkeit gelegt hat, verkündet Friedrich Wilhelm, wer an diesem Abend der „lustige Rat“ sein wird. Die zum Quälen und Verhöhnen ausgewählten Opfer sind oft gebildete Menschen, über die sich alle lustig machen, sie nach Strich und Faden beleidigen und zu übermäßigem Trinken drängen. „Herein mit dem Superjäger Honecker! (1912-1994)“ ruft Friedrich Wilhelm in der Erwartung, dass der Heranbefohlene nun im Kostüm eines Tschukschen (eines russischen „Ostfriesen“) erscheint. So wie man seinerzeit mit dem Historiker Jacob Paul von Gundling (1673-1731) abartige Späße trieb, so soll Honecker einen ebenfalls als Tschuksche verkleideten Schimpansen umarmen und küssen. Aber nicht der Superjäger erscheint, sondern ein junger Mann drängt sich nach vorn. Er sagt: „Guten Tag, die Herren, ich bin Johann Beimle, ein Stimmenimitator aus Dresden. Ich platze bei Sie hier herein, weil ich weidmännische Grüße des Jagdgenossen Honecker überbringen soll. Durch mich ruft er Ihnen zu: Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Hirsch noch Hase auf.“ Johann Beimle erklärt den blaublütigen Jägern, Nimrod Honecker mit der berüchtigt hohen Feuerrate habe ihn beauftragt, von seinen enormen weidmännischen Leistungen zu berichten. Honecker hege keinen Zweifel daran, dass er im jagdlichen Wettbewerb der Landesherren Sieger sein würde. „Der Herr Honeckor tut Sie über mich anfrogen, ob auch jemand von Ihnen innerhalb von zehn Minuten acht Rothirschen einen Ehrentod gewähren kann“, fragt der Imitator herausfordernd. Die Stimmung im Raum wird nachdenklich. Alle rechnen. Niemand lacht.

Da erhebt sich einer der Potentaten. Er ist derjenige, über den der Diplomat Harry Graf Kessler (1868-1937) 1895 in sein Tagebuch schreibt: „Der Kaiser (Wilhelm II.) sieht im Jagdzivil unvorteilhaft aus; dick und unförmlich; er hält sich krumm, die abnorm breiten Hüften und das fast weiblich entwickelte Hinterteil fallen im Frack mehr auf als in Uniform. Das Gesicht ist gelb und müde, bis auf die kallblitzenden grauen Augen.“ So sieht der letzte deutsche Kaiser aus, von dem der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) meinte, er sei "das Nationalunglück Wilhelm", der das deutsche Volk mit der Verbalinjurie "Schweinebande“ beschimpfte. Es ist auch der Monarch, der mit dem Satz „Es muss denn das Schwert nun entscheiden“ maßgeblich den Ersten Weltkrieg (1914-1918) mit auslöste.

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