Herablassend fragt er nun den sächsischen Plebejer: „Hat denn ihr Herr Honecker auch wie ich einen eigenen Bahnhof – na?“ Beimle antwortet: „Das weeß ich doch ne, Herr Wilhelm Zwei; davon hatter nischt gesacht. Nu wird mirs aber zu bunt in dem Qualm und ihren Kreisen – ich mache de Mücke.“ Und verschwindet.

Kaiserbahnhof! Alles aussteigen!

Wir sind im Heute und blicken zurück. Einen Bahnhof für den Kaiser – den gibt es tatsächlich. Die frühere Station Werbellinsee, die erst seit 1998 nach einer Instandsetzung #Kaiserbahnhof heißt, liegt südlich der brandenburgischen Kleinstadt #Joachimsthal im Landkreis Barnim. Der Kaiserbahnhof ist heute Endstation der Bahnstrecke Eberswalde-Joachimsthal, die man in zwanzig Minuten überwunden hat. Die Geschichte des Bahnhofes beginnt vermutlich im Oktober 1897 mit einer hintergründigen Anfrage des Kaisers Wilhelm II. an den preußischen Kronrat. Das Gremium behandelt die Anfrage am 14. Oktober 1897. Im Sitzungsprotokoll heißt es unter dem Punkt „Eisenbahnen“: „Wilhelm II. möchte wissen, ob zu große Sparsamkeit oder technische Defekte zur neuerdings großen Anzahl der Unfälle geführt haben.“ Die Interpellation des Monarchen, der bekanntlich eher einen Flotten- und Marine-Faible hat, kommt von einem Mann, den man auch den Reisekaiser nennt. Ihm ist es um seine eigene Sicherheit zu tun. Mehr als drei Viertel des Jahres ist er im kastanienbraunen Hofzug, der aus zusammengekoppelten Salonwagen besteht, im Reich und im Ausland Ländern unterwegs. Nach der Melodie der Nationalhymne („Heil Dir im Siegerkranz“) singt man in Preußen gelegentlich "Heil Dir im Sonderzug". Und dieser Sonderzug fährt am 1. Juli 1898 erstmals auf der neuen Bahnstrecke, die in Britz beginnt und noch weiter bis #Fürstenberg geführt werden soll, bis zur Bahnstation Werbellinsee. In der Denkmalsliste wird das Haus beschrieben als ein „für den repräsentativen Empfang des Kaisers gedachter Gebäudekomplex aus zwei parallel zu den Gleisen angeordneten Fachwerkbauten im Landhausstil, die Fassaden (seien) durch Giebel, Erker, Türmchen und Vorlauben aufgelockert“. Die hohe Empfangshalle verfüge über ein hölzernes Tonnengewölbe.

Ein Untertanenspalier huldigt dem Kaiser

Der Kaiser als Benutzer eines solch neuartigen Salonwagenzuges begreift sich als mutiger Vertreter des technischen Fortschritts. Seine Art zu reisen ist dabei nicht unumstritten. Schlug doch ein höherer bayerischer Beamter in einem Gutachten „aus Sicherheitsgründen“ vor: Man müsse „die Strecke mit hohen Plankenzäunen umgeben, denn wenn man auch die Wahnsinnigen nicht schützen könne, die ihr Leben der Dampfkraft anvertrauen, so müsse man doch die Bevölkerung vor dem Anblick der mit Windeseile dahinrollenden Züge bewahren“. (Zitiert nach Alexander Gleichen-Russwurm, „Die geistige Entwicklung des modernen Europa“) Auf „seinem“ Bahnhof Werbellinsee entsteigt der Kaiser dem Hofzug und tritt bei leichtem Regen auf den Vorplatz. Gern zeigt er sich auch seinen Untertanen in der oft belächelten operettenhaften Hofjagduniform mit übergeworfenem Hohenzollernmantel. Beschrieben wird sie als „ein hochgeschlossener, doppelreihiger Rock mit langen Schößen und mit Orden geziert, am Gürtel ein Hirschfänger mit Quaste, hohe Stulpenstiefel, der Hut mit seitlich hochgeschlagenen Krempen und geschmückt mit doppeltem Birkhahnstoß (gegabelte Schwanzfedern)“.

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