Auf dem Platz lässt sich Majestät von einem Untertanenspalier mit Lebehochs huldigen und beklatschen. Angetreten sind Bürgermeister Korte, Forstmeister von Hövel und Landrat von Buch. Es ist naheliegend anzunehmen, dass auch hier ein Kind zum Kaiser hingeschoben wird, damit dieses ein in der Schule gepauktes Gedicht hersagen kann: „Der Kaiser ist ein lieber Mann / er wohnet in Berlin / und wär das nicht so weit von hier / so ging ich heut noch hin. // Wisst ihr, was ich beim Kaiser wollt? / Ich gäb ihm eine Hand / und brächt das schönste Blümchen ihm / das ich im Garten fand, // und sagte dann: In treuer Lieb / bringt ich das Blümchen dir. / Und dann lief ich geschwinde fort / so wär ich wieder hier.“ Die Gattinnen der Lokalgrößen sind vom Vortrag bewegt und betupfen mit Spitzentüchern die Tränen in den Augen. Mit dem Kaiser, der jetzt zur Jagdresidenz Hubertusstock nahe dem jenseitigen Werbellin-Ufer fährt, ist auch dessen unverzichtbarer Büchsenspanner Josef Rolling mitgekommen. 24 Jahre lange ist er während der #Jagd immer hinter Wilhelm, um nach einem Schuss die Waffe für den nächsten vorzubereiten. Das kann der Kaiser nämlich nicht. Er hat einen verkrüppelten linken Arm. Wilhelm schießt deshalb einarmig. Keine Kunst, wenn das Wild fast vor ihm steht. Ist das Ziel entfernt, legt der Kaiser die Waffe auf die Schulter des Lakaien.

Die denkwürdige Jagdbilanz des deutschen Kaisers Wilhelm II.

Beim Niederknallen des wehrlosen Wildes hält Wilhelm II. in der Reihe der schießenden Potentaten vom Friedrich I. bis zum Duzendjäger Honecker einen vorderen Platz. Bis zu seinem politischen Ende im Jahre 1918 schoss er 78330 Stück Wild (einschließlich Niederwild) nieder, davon 2133 Rothirsche. Allein in der Zeit vom 19. bis 23. September 1898 machte er in der Schorfheide 36 ihm zugetriebene Rothirsche nieder. Beim Abknallen von 13 Hirschen in einer Stunde brauchte er für jedes niedergestreckte Tier weniger als fünf Minuten. Es war wie es im alten Wilderer-Lied heißt: „Das Jagen, das ist ja mein Leben / Dem tu ich mich gänzlich ergeben in dem Wald. // Meine Stutzerl muss knallen, / das Hirschlein muss fallen mit Pulver und Blei. / Im Wald sind wir frei.“

Am 29. Oktober 1918 kommt für Wilhelm das Jagd-vorbei-Halali. Er fährt an diesem Tag nichtsahnend zur deutschen Heeresleitung nach Spa in Belgien und erfährt dort, dass er bereits „zurückgetreten ist“. Alles ist aus. Ohne je noch einmal deutschen Boden zu betreten, fährt er beleidigt weiter ins holländische Doorn, wo er fortan lebt und bald eine neue Begierde in sich spürt: das Spalten von Holz. In 59 Waggons hatte man ihm Möbel, Gemälde, Porzellan und Silber nachgeschickt.

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