Polnischer Prolog. „Guck doch mal Vater, der kleine Gartenzwerg! Mit der großen Erdbeere in den Händen - süüß!“ Die Seniorin in der preisgünstigen QVC-Sweatjacke mit Plüschfutter steht auf dem „Berliner Polenmarkt“ in Osinów Dolny (jenseits der Oder bei Hohenwutzen) vor einem Heer aus winzigen und wuchtigen Waldgeistern, Wichteln und Wassernixen. Sie ist begeistert. „Ach, Mutter“, sagt der Mann unwillig, „wir haben im Garten so viel Zwerge rumzustehen, und außerdem ist die Beere doch viel zu groß für den kleenen Kerl“. Sie gibt schließlich nach, und gemütlichen Schrittes ziehen beide weiter. Kaufen wollen sie noch Blumenstöcke zum Aufhängen in der Veranda, eine Fußmatte für das Auto und zwei Stangen Zigaretten. Ringsum duftet es nach Grillröststoffen; in den Gaststätten mit den eng gestellten Tischen und Stühlen lassen sich die Deutschen meist Schnitzel oder Schaschlyk bringen; dem delikaten Bigos aus zwanzig Zutaten misstrauen sie – zu Unrecht. Die kumulative Geschmacksfinesse eines mehrtägig gegarten Bigos feierte einst der Dichter Adam Mickiewicz (1798-1855) mit den Worten: „In den Töpfen wärmten sie Bigos auf unmöglich dies Wunder zu beschreiben.“ Auch die buttrig glänzenden und mit gebratenen Zwiebeln gefüllten pierogi ruski, die von der nationalkonservativen Regierung keineswegs verboten wurden, werden wie auch die landestypische Piroggen-Vielfalt bemißtraut und gescheut.

In den Duft des Gegrillten drängen sich Tonmodulationen, die meist von raubkopierten CDs (auffallend blasse Cover) stammen. „Atemlos“, „der, der immer lacht“ – und das ganze auf schnelles Vergnügtsein angelegte Programm. Fragt man jedoch einen der Detaillisten an den auf Musik spezialisierten Ständen, ob er etwa auch Stücke des polnischsten aller polnischen Komponisten Fryderyk Chopin (1810-1849) bevorratet hat, so ist die Antwort: „Weißt du, Deutsche kaufen nicht. Willst du? Wieviel brauchst du? Ich besorge.“ Die Händler zeigen, dass zu einem Kulturvolk auch reghafter Geschäftssinn gehört. Es bleibt aber dabei, dass man auf dem Markt eher einen speziellen Gartenspaten für Behinderte findet, statt dass sich in dem Angebot aus Schlagern und einigen nach hinten gestellten Porno-Kassetten mit artig wirkenden Akteurinnen verblichener Jahrzehnte – dass in dieser Auslage eventuell auch Filme des bedeutenden polnischen Filmregisseurs Andrzej Wajda (1926-2016) platziert worden wären. Sie sind es nicht. Und selbst wenn einer der Händler glattweg Chopins Ballade Nr. 1 (g-Moll op. 23) abspielte, eine Appassionata ersten Ranges, in der sich die Seele dieses Volkes in mancher Nuance zeigt – man könnte nicht ausschließen, dass die Balladenklänge mit Offerten wie „Guter Kejse, Frau, proszę bardzo (bitte schön) kosten!“ untersetzt wären. Stimmt schon: Hier findet kein Festival statt, sondern ein Markt.

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