Das zu kennen ist von Vorteil, um die ganz andere Atmosphäre auf einem etwa 70 Kilometer landeinwärts entfernten gedämpften Marktgeschehen zu begreifen. An Sonnabenden und donnerstags vollzieht sich der Markt auf dem Berliner Kollwitzplatz. Benannt ist er nach „der größten und warmherzigsten Frau, die jemals in der Welt den Zeichenstift führte“ (Carl von Ossietzky) und die „das Erdenleid“ (Kurt Tucholsky) ergreifend schilderte – nach Käthe Kollwitz (1867-1945). Der Basar ist ein kultig gewordenes Ereignis, auf dem QVC-Textilien  eher die Seltenheit sind.

Einzig die Joppe des Hartz-vier-Empfängers Ewald K., der mit der 14tägig erscheinenden Zeitung „Der Straßenfeger“ (Auflage 15000 Exemplare) punkten will, könnte einen solchen Ursprung haben. In der linken Hand hält der Mann ein paar Exemplare dieser Berliner Straßenzeitung. In der Rechten zeigt er ein Schild aus dicker Pappe, auf dem zu lesen ist, dass es sich beim „Straßenfeger“ um eine Zeitung kulturellen Anspruchs handelt. Nicht aus der Luft gegriffen. Wer wissen möchte, wie es sich „ganz unten“ lebt – der sollte einmal zu diesem recht professionell gemachten Periodikum greifen. Der Mann verspricht sich vom kulturellen Hinweis gerade hier auf dem Platz mit den etwas „besser gestellten“ Kunden ein einträglicheres Geschäft als es sonst auf der Straße zustande kommt, wo die Passanten an ihm vorbeihasten. Das Interesse an Nachrichten von der Basis der Gesellschaft hält aber sich hier in Grenzen. Ewald K. kennt allerdings unterschiedliche Standorte. Steht er abends am Eingang des Deutschen Theaters (DT) in der Schumannstraße oder an der Tür des Berliner Ensembles (BE) am Bertolt-Brecht-Platz, käme, sagt er, mehr Geld zusammen als hier auf Platz. Aber auch die Klassiker scheinen unterschiedliche Geschäftsergebnisse zu generieren. Wenn sie im DT Lessings „Nathan der Weise“ spielen, sind seine Einnahmen geringer als der Verkaufserlös, den er vor der Tür zum BE erzielt, vor allem wenn die „Dreigroschenoper“ auf dem Spielplan steht. Von der sozialen Empathie, die von Brechts Oper schon vorab ausgeht, scheint Ewald K. sein Gutes zu haben. Dabei sieht er trotz abgewetzter Jacke nicht wie einer der bedauernswerten Gestalten aus dem Personalbestand des Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum aus. Auf dem Kollwitzplatz hingegen steht Ewald K. eher verlassen da, obwohl da ein menschliche Solidarität anmahnendes Denkmal steht: die großartige in sich ruhende Darstellung der Käthe Kollwitz als Mutter und gütige Frau, geschaffen vom Bildhauer Gustav Seitz (1906-1958).

Auf dem Kollwitzmarkt kaufen die Besserverdienden

Gleich neben Ewald Ks. Standort, an dem die Wörther-Straße auf die Kollwitz-Straße trifft, bauten sich im Spätsommer (2016) drei polnische Musikanten auf; eine Geigerin, ein Mann am Violoncello, ein zweiter spielt Akkordeon. Nicht wenige der hastigen Käufer bleiben stehen und werfen nachdem sie einige Zeit zuhörten, Geld in den offenen Geigenkoffer vor dem Trio. Nicht unbeeindruckt hören sie das Es-Dur-Largo aus dem Winter-Konzert der Vier Jahreszeiten (opus 8) von Antonio Vivaldi (1678-1741). Später intonieren die Drei die wirblige, von heftigen Staccato-Bewegungen erfüllte Bildbeschreibung  „Der Marktplatz von Limoges“ in Modest Mussorgskis (1839-1881) „Bilder einer Ausstellung“. Trotz ihrer Affinität fürs Klassische laufen die Besucher – nachdem eine Musik ausklang – zügig weiter und besorgen an den Ständen, was sie fürs Wochenende an Gemüse, Brot, Fleisch und Fisch brauchen. Feilschen gibt es nicht. Die Händler aus der näheren Brandenburger Umgebung begründen die Preise mit der Versicherung, dass alles Gewachsene erst Stunden zuvor geerntet wurde.

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