Die Käufer lassen erkennen, dass sie das hier geltende höhere Preissegment nicht sonderlich stört; anders gesagt: es braucht sie nicht zu stören. Sie sind Besserverdienende. Aber gerade wegen ihrer Inkaufnahme der etwas höheren Preise kamen Käufer schuldlos in Verruf. Nachdem die SPD-Verwaltung des Stadtbezirks in den vergangenen Jahren tatenlos zusah, wie nach den Rekonstruktionen der Häuser am Kollwitz-Platz alteingesessene Mieter angesichts exorbitanter Mieterhöhung verdrängt wurden, zogen in die Wohnungen zahlungskräftige Mieter ein, darunter, heißt es, auch junge Familien aus Schwaben. Sie müssen sich deshalb des Vorwurfs erwehren, Berlinern die Wohnungen abspenstig gemacht zu haben. Obwohl es keine verlässlichen Zahlen gibt, ist anzunehmen, dass einige von ihnen  in signifikanter Kopfstärke regelmäßig auch den Markt bevölkern. Vermutlich sind in Schwaben Gebürtige oft am Verkaufswagen der Firma „Nudel & Co.“ anzutreffen, an dem neben Spätzle jene Spezialität der süddeutschen Küche angeboten wird, mit der die Schwaben einst den lieben Gott zu hintergehen suchten. Im zisterziensischen Kloster Maulbronn sollen Mönche in der fleischlosen Fastenzeit die Maultaschen statt mit Kräutern und Spinat heimlich mit Fleisch gefüllt haben. In selbstkritischer Offenheit nennt man seitdem das Verlegenheitsprodukt Herrgottsbescheißerle.

Die frohgemute Offenheit der schwäbischen Zuzügler machte diese in den Augen zumindest manches Berliners keineswegs sympathisch. Ein Beispiel für diese Haltung liefert im Jahre 2013 ein Platzanwohner. Er gibt ein unfreundliches Statement von sich, das bald auf viel Unverständnis trifft. Die Peinlichkeit geht aus vom damaligen stellvertretenden Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD, geb. 1943), der auch für eine humorlose Pastoralrhetorik bekannt ist. Der Neukatholik erhob einen obskuren Protest gegen die schwäbischen Einwanderer. Dabei hatte er doch in den 1990er Jahren Berlin als einen „Schmelztiegel des Vereinigungsprozesses“ gefeiert. Nun rückte der wortkräftige Rhetor überraschend von dieser Aussage ab. Er beschimpfte freilich niemand direkt, sondern schickte sich an, arrogant und ungestüm in die traditionelle Begrifflichkeit des deutschen Bäckereigewerbes einzugreifen. Er ging – sage und schreibe - gegen Gebackenes vor, was in der jüngeren deutschen Geschichte einmalig sein dürfte.

Gegen das Schwabenbrötlein zog er zu Felde, gegen die Wecke, die auf dem Markt sowie auch in dessen Nähe angeboten wird. Wolfgang Thierse will den Begriff Wecke – wenn schon nicht verbieten – so doch aber ächten. In einem Interview erklärte er: "In Berlin sagt man Schrippen (statt Wecken), daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen." Der Mann, der nicht lachen oder einen intelligenten Witz machen kann, löst eine Berliner Lachnummer aus. Sein Versuch im Bäckerladen Sprachregelungen durchzusetzen, ist aber nicht uninteressant genug, als dass dieser Unsinn einem Politiker nachgesehen werden könnte. Der Vizepräsident muss bald Canossagänge ins Schwäbische machen, um den Eklat versuchsweise aus der Welt zu schaffen.

Die schwäbische Wecke gehört zu Berlin

Inzwischen schweigt Wolfgang Thierse, wenn er jemand sagen hört: Die Wecke gehört zu Berlin. Dabei ist das die reine Wahrheit. 

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