Mit vollem Recht schrieb die Zeitung „Die Welt“ im Mai 2013: „Der Charme von Berlin bestand lange darin, so selbstbewusst zu sein, dass jeder hier seinen Platz finden konnte. Arme, Reiche, Ausgeflippte, Angepasste – mit Gleichmut bot die Stadt jedem seine Nische. Nicht die Schwaben sind die Spießer, sondern jene, die mit ihrem Hass diesen Geist von Berlin kaputt machen.“ Heute geht der „bensionierde Bräsidend vo däm Brlinr Bundeschdag, der wo unsere schwäbische Wecke ned will“, auf dem Kollwitzmarkt um wie der Ewige Jude Ahasver, der nach seiner Verspottung Jesu auf dessen Weg nach Golgatha seitdem ruhelos durch die Welt ziehen muss.

Man sieht auf dem Markt wie Wolfgang Thierse mit einem strengen Platzwartblick die Menschen schweigend beäugt. Man könnte sogar meinen, er taxiert die Käufer und Ausbieter in den Ständen, um festzustellen, wer hier Schwabe ist und wer nicht. Fragt dann auch noch zufällig ein Ortsfremder: „Isch des der Brliner Wochenmargd, er wo no dene Käte Kollwidz heischt?“ – erhält  man einen zusätzlichen Eindruck vom schwäbischen Interesse am Prenzlauer Berg. Als der Dichter Achim von Arnim (1781-1831) in seiner Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ den Einkauf von Wecken beschrieb, ahnte er nicht, wie hochpolitisch ein solch harmloser Vorgang im Bäckerladen sein kann.  Heißt es doch bei ihm freundlich: „Zum Bäcker lauf / ein Wecklein kauf / die Glock schlägt sieb´n / die Milch tu an das Feuer schieb´n. / Tu Butter ´nein / und Zucker fein / die Glock schlägt acht / geschwind dem Kind die Milch gebracht …“ Aus der Sicht des ehemaligen führenden deutschen Parlamentariers ist es offensichtlich immer noch die Frage, an welchem Ort die Glocke sieben schlägt.

Kurze Zeit vor Marktschluss  ist an der Ecke Knaackstraße nochmals Gelegenheit zum Innehalten. Diesmal kommen die Kinder auf ihre Kosten. Ein junger Mann mit einer Drehleier auf den Knien singt das Eichendorff-Lied von der in einem kühlen Grunde dramatisch gescheiterten Liebe. Dass er das Liebchen als verschwunden meldet und einen Ring als zerbrochen anzeigen muss, mag die Kleinen im Halbkreis vor ihm wenig interessieren. Umso mehr die wundersame Kiste, aus der so schöne tonale Folgen kommen. Und man kann zum Sänger direkt hingehen. Das mögen die beistehenden Eltern sehr; Kontakt mit der Kunst kann nicht früh genug einsetzen. (Manches Kleinkind muss heutzutage im Konzerthaus oder in der Philharmonie schon eine vergeistigte Sinfonie durchstehen; und nicht etwa Beethovens Sechste, in der man wenigstens Nachtigall, Wachtel und Kuckuck, murmelndes Wasser, Gewitter und Sturm hören kann.) Und schon läuft so ein kleiner kecker Ich-kann-das-schon-alleine-Typ aus dem alternativen Anti-Pink-Resort des Prenzlauer Berges zum singenden Barden und wirft ihm – in elterlichem Auftrag - ein paar Münzen in den Hut. Nun wartet das Kind darauf, dass der Einwurf  irgendetwas auslöst. Es tut sich nichts. Indessen wirft der Sänger einen freundlichen Blick auf den Spender – so als wollte er ihm sagen: Mein Lieber, halte dich später besser von Mühlen fern. Bringt nichts.

Gegen vier Uhr Nachmittags ist der Markt zu Ende. Die Händler verpacken das Unverkaufte. In diesem Aufbruch waren und sind sich alle Märkte gleich. Bereits vor über 200 Jahren beschrieb der in Schwaben geborene Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) das Finale eines solchen Ereignisses. Im Fragment "Die Nacht" schrieb er: "Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse, / Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg. / Statt gehen heim, von Freuden des Tags zu ruhen, die Menschen, / Und Gewinn und Verlust wäget sich sinniges Haupt / Wohl zufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen, / und von Werken der Hand ruht der geschäfftige Markt. ...". Nicht ganz so romantisch, aber zumindest so ähnlich ist es auch auf dem Kollwitz-Plat in Berlin Prenzlauer Berg. 

Winfrid Neubert

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