Um Normalität zu vermitteln, wurde der am Montag durch das LKW-Attentat zerstörte Berliner Weihnachtsmarkt am Donnerstag wieder eröffnet. Die Meinungen darüber sind geteilt. Blasting.News sprach mit dem amerikanischen Psychoanalytiker John N. Gardner (79), der vor seinem Ruhestand Gewaltopfer und Kriegsveteranen behandelt hat.

Blasting.News: Was waren ihre Gedanken, als sie vom Attentat in #Berlin erfahren haben?

John Gardner: Man stumpft ab bei all der Gewalt. Als Präsident Bush nach den 9/11-Attentaten auf das World Trade Center von einem "Krieg gegen den Terror" sprach, dachte ich, er ist ein Dummkopf. Die Geschichte sollte ihm dann doch ein Stück weit Recht geben.

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Heute spricht selbst der Papst in Rom davon, dass sich die Menschheit in einer Art von Drittem Weltkrieg befinde. Haben Sie die Fernsehbilder aus Frankreich gesehen? Dort müssen in irgendeiner Stadt... ich habe vergessen wo es war, auf jeden Fall in Frankreich müssen die Menschen, um auf einen Weihnachtsmarkt zu kommen durch eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen. Das ist doch entsetzlich! Ist das noch der freie Westen, für den unsere Soldaten gekämpft haben? Die Menschen merken gar nicht, wie mit jedem Tag die Grenze des Normalen ein Stück weit verschoben wird.

Blasting.News: Der betroffene Weihnachtsmarkt in Berlin hat am Donnerstag wieder geöffnet. Etwas weniger laut und grell, dafür mit einer Gedenkstelle für die Opfer. Eine richtige Entscheidung in Ihren Augen?

John Gardner: Davon habe ich gelesen, bevor Sie mich angerufen haben.

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Mein erster Impuls war, muss das sein? Trauer und Angst sollen nicht verdrängt werden. An die Gefühle der Angehörigen der Ermordeten und an die Emotionen der Opfer in den Kliniken, an sie muss und soll man auch denken. Dennoch ist es ein stärkeres Zeichen als jede Militärparade. Ihr bekommt uns nicht klein, die Botschaft kann man vernehmen. Ihr haut auf die rechte, wir halten die linke Wange hin. Etwas pathetisch könnte ich sagen, die Entscheidung zur Wiedereröffnung des Marktes folgt biblischem Vorbild.

Blasting.News: Interessant…

John Gardner: Ja? Warum?

Blasting.News: Es hat gleich nebenan in der Gedächtniskirche, um die herum der Markt stattfindet, einen Gottesdienst vor der Eröffnung gegeben.

John Gardner: Sehen Sie! Fantastisch, so wird ein Bild daraus! Mir gefällt dieses biblische Vorgehen besser als das Potenzgebaren, zu dem die Franzosen neigen. Die Deutschen geben eine christliche Antwort auf die Attacke gegen ein christliches Fest. Das ist fast schon raffiniert. Aber nicht nur das.

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Auf einer sehr tiefen Ebene der Psyche brechen Sie mit etwas Glück den Kreislauf der Gewalt. Die sadistische Lust der Täter wird ausgetrocknet.

Blasting.News: Was meinen Sie mit sadistischer Lust?

John Gardner: Diese halben Kinder morden doch nicht für ihre Religion oder wegen einer Politik. Das mögen sie denken, doch in den unbewussten Ebenen ihrer Psychen ist es ein lustvoller Sadismus, der sie antreibt. Werfen Sie mal einen Blick auf diese Charaktere. Es sind entweder Gehemmte, Versager, Verklemmte mit instabilem Selbstwert oder eine Mischung aus all dem. Auf jeden Fall Neurotiker. Wenn sich das mit psychopathischen Zügen mischt, haben sie ihren Attentäter. Und was will der Sadist? Er versucht seine unbewusste Ohnmacht zu überwinden, indem er anderen etwas antut, damit sie auf ihn spürbar, fassbar, intensiv reagieren. Der Sadist will aus der Ohnmacht in die Macht kommen, er will eine starke Reaktion sehen und fühlen.

Blasting.News: Dann müsste der Berlin-Attentäter Ihnen zufolge ziemlich frustriert sein, wenn er sieht, dass die Deutschen zwar trauern, aber trotzdem einfach weitermachen?

John Gardner: Ich hoffe es… ich hoffe es. Es gibt nämlich noch eine zweite Variante. Statt Frust, wie Sie es nennen, könnte der Wunsch, die eigene krankhafte Ohnmacht zu überwinden zu noch heftigerer Gewalt führen, weil man beim ersten Mal nicht "gehört" wurde. Das wäre die schlimme Variante. Ich hoffe sie tritt nicht ein. #Psychologe #Terrorismus