Es war eine provokante These. Missy-Autorin Mithu Sanyal wird sicherlich mit Kritik gerechnet haben, aber die Härte der Kritik hat sie dennoch überrascht. Die #Feministinnen-Initiativen „Terre des Femmes“ und „Störenfriedas“ liefen Sturm und auch die Kritik der von Alice Schwarzer herausgegebenen Zeitschrift „Emma“ war hart. Besonders extrem fiel der Sturm der Entrüstung im Netz aus. Einige wünschten ihr sogar selbst „Erlebende“ einer #Vergewaltigung zu werden. Die Ausschreitungen gingen sogar soweit, dass Unbekannte ihre Adresse und Telefonnummer veröffentlichten und sie Drohanrufe bekam.

Was war vorgefallen?

Die Kulturwissenschaftlerin und Missy-Autorin Mithu Sanyal hat in einem TAZ-Artikel die These aufgestellt, dass der Begriff „Opfer“ die Betroffenen als eher wehrlos und passiv darstellen würde. Es sollte daher ein „neutraler Begriff“ sein, der offen lässt wie die Betroffenen die Tat tatsächlich erlebt haben. In einem Beitrag in der Huffington Post verteidigt sie sich, dass sie nicht gefordert hätte den Begriff Opfer komplett durch Erlebende zu ersetzen, sondern sie nur einen zusätzlichen neuen Begriff prägen wollte.

Der Haken an der Sache ist allerdings, dass sie gefordert hat den Begriff „Erlebende“ als Hauptbegriff zu verwenden. Opfer sollten nur noch dann Opfer genannt werden, wenn sie ausdrücklich als Opfer bezeichnet werden wollen.

Ein Neologismus mit brisanten Risiken

Leider hat sie, bevor sie diese These aufstellte, nicht Opfer sexueller Gewalt befragt. Beispielsweise über eine Umfrage, oder Fragebögen. Sie hat einfach von oben herab verordnet, was andere zu wollen haben.

Zudem hat sie auch nicht die möglichen Folgen bedacht. Angenommen sie hätte Erfolg mit ihrem Vorschlag gehabt und Vergewaltigungsopfer würden nur noch dann Opfer genannt werden, wenn sie dies ausdrücklich wünschen, dann wäre der Druck auf die Betroffenen hoch dies zu tun. Denn dann würden sie sich dem Vorwurf aussetzen, sich freiwillig in eine Opferrolle zu begeben, sich hängen zu lassen, anstatt stark zu sein und sich „Erlebende“ zu nennen. Vor allem hätte das Risiko bestanden, dass Sexualstraftaten durch diesen „neutralen Begriff“ massiv verharmlost werden könnten. So nach dem Motto „sowas kann schon mal passieren“. Was einen enormen zivilisatorischen Rückschritt bedeutet und die Gefahr einer gesellschaftlichen Verrohung mit sich gebracht hätte.

Allerdings hat die Geschichte auch eine ironische Wendung. Mit ihrem Beitrag in der Huffington Post hat sich Mithu Sanyal selbst als Opfer präsentiert. Der ursprüngliche Name ihres Artikels war „Ich bin die Frau, der alle eine Vergewaltigung wünschen“. Allerdings scheint sie die Ironie dahinter bemerkt zu haben und hat ihren Artikel daraufhin umbenannt.