Abdul Nafi' steht ganz hinten in der Schlange. Sein Blick ist auf den Boden gerichtet. Der hagere Mann wirkt abwesend und unendlich verletzlich. Seine linke Hand umklammert einen riesigen gelben Kanister. Er steht wie all die anderen an, um an diesem Wochenende Wasser zu haben. Und er wird hier noch drei Stunden stehen – mindestens. Das ist Sanaa im April 2017. Das ist der #Jemen heute: Gescheitert und vergessen.

Ich habe Abdul Nafi' im Februar 2014 kennengelernt, als mein AMEPRES-Team über die AQAP, den jemenitischen Arm der al-Kaida berichtete und dafür zwei Wochen lang durch den Jemen fuhr (das Roadbook der Recherchereise).

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Auch wenn das Land schon damals ein geschundenes war, so gab es doch noch Hoffnung. 10 000 Menschen protestierten in der Hauptstadt Sanaa gegen #Saudi-Arabien und seine Verbündeten. „Ihr werden es niemals schaffen uns in die Knie zu zwingen“, konnte man auf den Plakaten lesen. Heute demonstriert hier im Zentrum der Millionenstadt niemand mehr. Die Plakate sind den gelben Wasserkanistern gewichen, das Kämpferische der Verzweiflung und dem permanenten Hunger. Abdul selbst besitzt nichts mehr. Im April 2015 wurde sein Haus am östlichen Stadtrand bei einem Bombenangriff durch die Saudis komplett zerstört. „Es steht noch eine halbe Wand, dort, wo unsere Küche war“, schrieb er mir letzte Woche. „Jetzt leben wir bei der Schwester meiner Frau und deren Familie. Acht Menschen, in einem Haus ohne Dach“, fügt er später hinzu.

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Eigentlich hätte er von 10 Familienmitgliedern sprechen müssen, doch auch zwei seiner Kinder wurden bei dem Luftschlag auf sein Viertel getötet. Abdul Nafi' beendet seinen Brief wie er ihn begonnen hatte, mit einem Rückblick auf das Verlorene: „Wir hatten dort 20 Jahre gelebt. Wir waren zufrieden. Hatten alles: Kinder, eine sehr gute Arbeit, ein Auto und natürlich die Gemeinschaft aus Familie und Freunden. Wir haben gelebt wie du in Deutschland.“

Zwei Jahre Bürgerkrieg, 10 000 getötete Zivilisten und ein kollabierter Staat

Anfang 2014: Machtwechsel in Sanaa. Schiitische Huthi-Rebellen aus dem Norden erobern die Hauptstadt. Sie bringen mit militärischer Hilfe ihrer Schutzmacht Iran weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Die Antwort des Erzfeindes Saudi-Arabien folgt ein Jahr später mit unglaublicher Wucht. Ab März 2015 bombardieren Kampfjets Huthi-Stellungen mit dem Ziel, die alte Ordnung im Land wieder herzustellen. Über 90 000 Angriffe folgen bis heute. Die meisten davon mit fatalen Folgen für die Zivilbevölkerung.

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Die komplette Infrastruktur wird zerstört. Mehr als 10 000 Zivilisten fallen den Bombardements zum Opfer. Menschen wie Abdul Nafi'. Neben den Luftschlägen blockiert Saudi-Arabien jedweden Handel. Dies Blockadestrategie ist fast noch tödlicher als die Angriffe aus der Luft. Das Land wird von innen ausgeblutet. Es fehlt alles: Wasser, Nahrung, Medikamente. Eine halbe Million Kinder sind mittlerweile so unterernährt, dass sie ohne Hilfe sterben müssen. Alle 12 Brücken die nach Sanaa führen sind vollständig zerstört. Die Stadt ist damit von der Außenwelt abgeschnitten.

Nach zwei Jahren Dauerbombardement ein Land am Abgrund

Die Bilanz ist bitter. Neben den 10 000 Toten befinden sich Hunderttausende auf der Flucht. Alle Lebensadern des Landes sind abgeschnitten. Die Huthis kontrollieren weiterhin einen Großteil des Jemen. Zwanzig Millionen Menschen benötigen Hilfe in Form von Nahrung, Unterkunft oder medizinischer Versorgung.

Ein Ende dieses Stellvertreterkrieges zwischen Saudi-Arabien und dem Iran ist nicht in Sicht. Währen wir auf Syrien und den Irak blicken, stirbt der Jemen fast nebenbei. Die Bundesrepublik hat 2016 unter anderem die Lieferung von 330 "Sidewinder"-Raketen nach Saudi-Arabien genehmigt. Amerika verkaufte letztes Jahr Panzer für eine Milliarde US-Dollar an den Wüstenstaat. Der #Krieg im Jemen ist auch unser Krieg.

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