Die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung erreicht in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) ein unvorstellbares Niveau. „Die Gewalt im Land eskaliert und ist so schlimm wie zuletzt auf dem Höhepunkt des Konflikts im Jahr 2014.", sagte Emmanuel Lampaert, Leiter von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in der Zentralafrikanischen Republik.

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René Colgo, stellvertretender Landeskoordinator der Organisation erzählt von grausamsten Gewaltexzessen: "Unsere Teams haben verstümmelte Leichen gefunden, die gut sichtbar zurückgelassen wurden, offenbar um die Bevölkerung zu terrorisieren. Die Zivilisten sind traumatisiert. Viele sind aus ihren Dörfern in die Umgebung geflohen. Dort versuchen sie irgendwie zu überleben."

Europäische Verantwortung

Bereits 2014 berichtete ich aus einem Land (Auszug aus unserem Roadbook), über das man hierzulande so gut wie gar nicht mehr spricht.

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Selbst wenn man Wörter wie Genozid oder staatlicher Kollaps bemüht, will die westliche Welt nicht hinsehen. Gerade auch deshalb, weil man in Europa ganz genau weiß: Was sich da in #Zentralafrika abspielt, ist auch das Ergebnis von einem Jahrhundert kolonialer Ausbeutung. Daraus ergibt sich eine direkte moralische Verantwortung. Wird man dieser schon nicht gerecht, will man zumindest keinen genaueren medialen Blick darauf. Noch schlagen auch die Flüchtlingsströme aus Ost- und Zentralafrika nicht bis zu den Europäischen Grenzen durch.

Vom politischen Konflikt zum Kampf um Bodenschätze

MSF und Freunde vor Ort berichten seit Wochen über die Entwicklung des Konfliktes. Dies ergibt ein ziemlich klares Bild. In den letzten Monaten haben sich Seleka-Rebellen und christliche Milizen, die sich seit Ende 2013 bekämpfen, in Splittergruppen aufgespalten. Man schlachtet sich jetzt nicht mehr ob eines gemeinsamen politischen Zieles ab, sondern um Gold, Kupfer, Uran und Diamanten.

Caroline Ducharme, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in der ZAR, beschreibt die Situation so: "Die Art des Konfliktes ändert sich.

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Ohnehin schon traumatisierte und dem Geschehen hilflos ausgelieferte Zivilisten sind im Kreuzfeuer gefangen. Sie werden aus ihren Häusern und von ihren Feldern vertrieben und so jeglicher Existenzgrundlage beraubt. Die Konfliktparteien müssen mindestens die Angriffe auf Zivilisten stoppen und zulassen, dass ein Minimum an humanitärer Hilfe diejenigen erreicht, die sie so dringend benötigen."

Friedenssicherungsmission der UN chancenlos

Die jüngsten Gewalt konzentriert sich auf vier Präfekturen im Zentrum und Osten des Landes. Die Regierung und die13 000 Soldaten der Friedenssicherungsmission der Vereinten Nationen (MINUSCA) bemühen sich erfolglos, das Blutvergießen zu stoppen. Das Land ist so groß wie Frankreich und Spanien zusammen. Die Infrastruktur ist extrem schlecht, das erschwert Transport und Kommunikation. Selbst 50.000 UN-Soldaten würden nicht ausreichen, um den Frieden im Land wiederherzustellen. Aber selbst wenn dies gelingen würde, so fehlt doch jegliches Konzept für die gescheiterten Staaten Afrikas. Schlimmer noch, es fehlt der Wille zu einem solchen.

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Eine strategische Planung, die über den Rohstoffabbau und die Sicherung der Handelswege hinausgeht, will man für den Afrikanischen Kontinent in Europa und den USA nicht.

Hälfte der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen

"Unsere Teams wurden Zeuge von gezielten Hinrichtungen und haben verstümmelte Körper gefunden", sagte Rene Colgo, stellvertretender Leiter der Mission von MSF schon vor zwei Wochen.

Etwa 100.000 Menschen wurden laut UN zwischen September 2016 und Februar 2017 aufgrund der erneuten Zusammenstöße vertrieben. Einer von fünf Zentralafrikanern ist derzeit auf der Flucht. Rund 2,2 Millionen Menschen, die Hälfte der Gesamtbevölkerung, brauchen humanitäre Hilfe. Für diese Menschen tragen wir Europäer eine direkte Verantwortung. Sehen wollen wir das nicht. Wobei das Hinsehn doch so einfach wäre, schließlich müsste man nur die Historie des westlichen Wohlstandes bemühen.

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