„Die Unwissenden irren in tiefer Finsternis, aber in noch tieferer Dunkelheit gehen die, die Wissen um Wissen anhäufen“ (Isha-Upanishad)

Was sind die Veden?

Die heilige Schriftensammlung (ca. 3000 Jahre v. Chr.) der alten indischen spirituellen Tradition sind die Veden oder der Veda. Das Wort entstammt dem vidja – es ist mit dem lateinischen videre in Beziehung setzbar – und bedeutet soviel wie „sehen“ oder „erkennen“. Im weiteren Sinne meint man all das, was bildlich vorstellbar ist, also mit dem Bildhaften zu tun hat. Aber nicht nur das in der realen Welt Sichtbare sondern auch die inneren Bilder der Träume, der Vorstellungen sind darunter zu verstehen: Und sogar noch viel mehr! Die Sinnhaftigkeit, die hinter diesen visualisierbaren Erscheinungen steht, deren verborgene Bedeutungen und Zusammenhänge.

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Also definiert man in der tieferen Bedeutung vidja mit „Wissen“ oder „Erkennen“ - in ihrer tiefsten spirituellen Bedeutung mit „Wachsamkeit“.

Auf das weise Wissen der Veden in Form von Analogienherstellung bzgl. Bewusstsein und Aufbau der Realität greifen übrigens auch einige Vertreter der neuen Physik zurück.

Was ist die spirituelle Botschaft der Veden?

Die wichtigste Aufgabe der vedischen Lehre ist das Erwachenlassen des schlafenden Bewusstseins. Erst wenn der Mensch durch seine Wachsamkeit (erwachtes #Bewusstsein) richtig sehen kann, kann er auch die tieferen Wahrheiten hinter der scheinbaren Realität erkennen und wird erst dadurch zum Wissenden. Nach der vedischen Vorstellung ist nämlich das Sein in unserer materiellen, grobstofflichen, geschlossenen Welt wie ein Schlaf, aus dem der Geist oder das individuelle Bewusstsein aufwachen soll.

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Durch das Erwachen des inneren Sehens kommt der Mensch in die Lage, die wahre Beschaffenheit der Realität zu sehen und durch deren Anblick endgültig aus dem Traum/Schlaf zu erwachen.

Wachsamkeit bedeutet hierbei jedoch nicht so viel wie wach zu sein. Es bedeutet nicht das pure in Bewegung halten der Sinne, denn wach zu sein ist ja nach dem vedischen Verständnis auch eine Art Schlaf in der Welt der Sinne. Die Wachsamkeit ist erst die metaphysische Empfindsamkeit des Menschen. Meta physis (griechisch) bedeutet soviel wie „über die Natur“: Übernatürliche Empfindlichkeit, die über die physikalisch manifestierten Erscheinungen des Seins hinausgeht. Man sieht und erfährt Dinge, die für die äußeren Sinne nicht zugänglich sind. Der Wachsame oder Erwachte sieht über die Empfindungen, Sinnesreize, Leidenschaften und den Verstand hinaus: Wie es auch das Kennzeichen von Buddha hervorragend charakterisiert – der vollkommen Erwachte.

Die Bedeutung der Wachsamkeit – Unterscheidung zwischen vidja und vidnya

Doch was ist der Unterschied zwischen Wissen und Wachsamkeit? Unter vidnya verstehen die Veden das Wissen um die materielle Welt.

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Avidnya ist demnach sein Gegenpol, bedeutet also Unwissenheit. Doch sowohl vidnya, also das Wissen des rationalen Verstandes, als auch avidnya, die Unwissenheit, sind nur zwei Varianten des schlafenden Bewusstseins. Beide Zustände sind nicht dafür geeignet, dass der Mensch die letzte Wirklichkeit verstehen und erfahren könnte. Das erste Zeichen des erwachenden Bewusstseins ist das Auftauchen des Verdachts, dass die materielle, sinnliche Wirklichkeit maya - also Illusion - ist. Aber Vorsicht! Mit maya wird nicht gemeint, dass unsere feststoffliche Realität nicht wirklich erfahrbar wäre (denn natürlich tut es weh, wenn man gegen die Tischkante läuft…) – das Illusionäre bezieht sich darauf, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint.

Diese metaphysische Erkenntnis ist die erste Station auf dem Weg zum Erwachen. Wenn dann das individuelle Ich erkennt, dass es auch ein universelles höheres Ich hat, erfährt es nun, dass es auch ein Teil der eigentlichen (göttlichen) Wirklichkeit ist. Hier könnten wir auch Parallelen zu C.G. Jungs „Ich“ und „Über-Ich“ ziehen, denn im Grunde steckt das gleiche Wissen und die persönliche Erfahrung dahinter. Der großartige Gedanke, der diese letzte Erkenntnis sehr schön verinnerlicht - und mitunter die wichtigste Kernaussage der vedischen Weisheiten ist - lautet: tat tvam asi – "das bist du!" Dies könnte ebenso als Synonym für die hohe christliche Moral stehen, als Jesus, der Christ, sagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst…denn er ist wie Du! Das Erfahren des universellen Seins zeigt nun, dass die Welt und all ihre „Projektionen“ auf einen Ursprung zurückgehen. Durch die Identifikation mit der kosmischen Schöpfungsenergie (mit dem absolutem Bewusstsein) erkennt der Mensch, dass das Bewusstsein des kleinen Ichs, eingesperrt in seine körperliche individuelle Hülle, eine Illusion ist. Die Erkenntnis der eigenen Göttlichkeit und des schöpferischen Potenzials ist damit die größte Entdeckung der Selbsterforschung:

„Erst wenn wir diesen magischen Schleier

durchstoßen

Sehen wir den Einen, der als viele erscheint. (…)

Unseren göttlichen Ursprung vergessend,

verfangen wir uns in der Welt der Veränderung. (…)

Was nützen die heiligen Schriften jemandem,

der nicht den einen Quell kennt, aus dem sie stammen,

in dem alle Götter und Welten bleibend weilen? (…)

Unsichtbar durch den Zauber der Maya,

bleibt er (Schöpfer) verborgen in den Herzen aller.

Erkenne ihn als den höchsten Zauberer,

dessen Maya alle Welten aus ihm selbst

hervorbrachte…“ (Shvetashvatara-Upanischad) #Forschung #Glaube