Seine Patienten vertrauten ihm und sahen in ihm den idealtypischen Arzt: Freundlich, fähig und an dem Wohl seiner Patienten stets interessiert. Aber über den Zeitraum von 25 Jahren war Harold Shipman für hunderte Todesfälle verantwortlich. Die Details, die in seinem Prozess zu Tage gefördert wurden, sind schockierend.

Im Auge des aufmerksamen Beobachters sind Todmorden und Hyde zwei völlig ungewöhnliche kleine Dörfer, die 20 Kilometer auseinander liegen, aber ansonsten nicht viel miteinander gemein haben. Doch sie teilen eine schreckliche Vergangenheit. Über den Zeitraum von 25 Jahren waren sie das Schlachtfeld, auf dem Harald Shipman ungestört seine Taten vollstrecken konnte und so zu Englands berüchtigsten #Serienmörder wurde.

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Frühe Faszination für Betäubungsmittel

Shipman wurde als Kind einer Arbeiterfamilie im Jahre 1946 geboren. Seine Mutter vermittelte ihm bereits in jungen Jahren das Gefühl, seinem Umfeld überlegen zu sein. Dieses Übermachtsgefühl gegenüber anderen Mitmenschen wird als mit ursächlich für seine späteren Taten angesehen.

Als seine Mutter mit Lungenkrebs diagnostiziert wurde, pflegte Shipman sie bis in den Tod. In diesem Zeitraum entdeckte er seine Faszination für Morphium und seiner betäubenden und schmerzlindernden Wirkung.

Nach dem Tod seiner Mutter, beschloss Shipman, die medizinische Hochschule zu besuchen und nahm 1976 seine Arbeit im Donneybrook Medical Centre in Hyde auf. Er erarbeitete sich einen exzellenten Ruf als fleißiger Kollege, der das Vertrauen von Patienten und seinen jungen Kollegen schnell gewann.

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Dort arbeitete er fast 20 Jahre, ohne dass sein Verhalten irgendein Misstrauen erregte.

Der örtliche Bestattungsunternehmer war der erste, der Verdacht schöpfte. Er bemerkte, dass die Patienten Shipmans nicht nur ungewöhnlich oft verstarben, sondern zumeist auch ihre letzten Sekunden in einem ähnlichen Zustand verbrachten: Die meisten von ihnen waren bekleidet und saßen aufrecht. Seine Besorgnis war so groß, dass er Shipman direkt auf seine Beobachtungen ansprach, der ihn jedoch abwimmelte.

Doch auch eine Kollegin Shipman hegte erste Verdachtsmomente und kontaktierte den örtlichen Gerichtsmediziner, der seinerseits wiederum die Polizei einschaltete. Eine erste Ermittlung wurde eingeleitet, aber zeitnah wieder eingestellt, da sich keine Verdachtsmomente erhärten ließen - nicht zuletzt, da Shipman gründliche Arbeit geleistet hatte und u.a. die Krankenakten seiner Opfer abgeändert hatte, um ihre Todesursache zu verschleiern.

Indem er sich hinter seinem öffentlichen Bild als sich für seine Patienten einsetzender Arzt versteckte, fielen seine Taten so lange nicht auf, dass es heute fast unmöglich ist, zu sagen, wann er seinen ersten Mord beging.

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Sie endeten nur aufgrund des entschiedenen Handelns von Angela Woodruff, der Tochter von Shipmanns letztem Opfer.

Ihre Mutter, Kathleen Grundry, war eine aktive, 81 Jahre alte Witwe gewesen und 1998 in ihrem Haus tot aufgefunden worden, kurz nachdem Shipman sie untersucht hatte. Woodruff wurde von Shipman darüber informiert, dass eine Autopsie nicht nötig sei und Kathleen Grundy wurde bestattet.

Woodruff arbeitete als Anwältin - ein Grund, aus dem ihre Mutter ihr rechtliche Angelegenheiten stets anvertraut hatte. Es war daher eine größere Überraschung als in der Testamentsverkündung deutlich wurde, dass neben dem der Tochter bekannten letzten Willen ein zweites Testament existierte, dass größere Teile des Besitzes von Kathleen Grundry an Shipman vermachte. Die Tochter war davon überzeugt, dass es sich bei dem Dokument um eine Fälschung handelte. Sie wendete sich an die Polizei, die schnell zum gleichen Schluss kam und eine Untersuchung des Todes von Grundry anordnete.

Kathleen Grundys Körper wurde exhumiert und eine Untersuchung ergab, dass sie an einer Überdosis Morphium gestorben war, die drei Stunden vor ihrem Tod verabreicht worden war - exakt drei Stunden nachdem Shipman ihr Haus verlassen hatte. Shipmans Haus wurde durchsucht. Die Polizei fand etliche Krankenakten, eine umfangreiche Sammlung Juwelen und eine Schreibmaschine auf der nachweislich das zweite Testament verfasst worden war.

Insbesondere aufgrund der sichergestellten Krankenakten war den untersuchenden Ermittlern klar, dass es sich bei der Tat nicht um eine Einzeltat gehandelt haben konnte. Die Untersuchungen fokussierten sich dabei auf Patienten, die nicht eingeäschert worden waren und nach Visiten von Shipman verstorben waren. Ein düsteres Detail: Shipman hatte die Hinterbliebenen in vielen Fällen dazu angehalten, ihre toten Angehörigen einäschern zu lassen - wohl um Beweise auf diese Weise zu vernichten.

Die Polizei konnte rekonstruieren, das “Dr. Tod”, wie er in den Medien später genannt wurde, in den meisten Fällen direkt nach seinen Taten die Krankenakten gefälscht hatte, um seine Spuren zu verwischen. 15 solcher Taten konnten die Ermittler im ersten Anlauf rekonstruieren - und Shipman für diese Verbrechen vor Gericht bringen.

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, Shipman habe die 15 Patienten ermordet, weil er Befriedigung aus der Machtposition zog, in die ihm diese Entscheidungen über Leben und Tod versetzten.

Angela Woodruff trat als Kronzeugin auf. Mithilfe ihrer Aussagen, den Analysen eines Computerspezialisten und der Aussage eines Fingerabdruck-Spezialisten konnte ein zweifelsfreies Bild von Shipmans Schuld gezeichnet werden. Shipman half sich selber mit arroganten Auftreten und immer wieder wechselnden Erklärungen nicht weiter. Die Jury verurteilte Shipman in 15 Fällen für schuldig - Shipmans Strafe lautete daher 15 mal Lebenslänglich.

Angsteinflößende Zeugenaussagen

Shipmans Vorgehen bei seinen Morden wurde auf schauerliche Weise durch die Aussagen von Elaine Oswald illustriert. Sie gilt als einziges überlebendes Opfer des Todesarztes. Sie war zu Shipman gekommen, da sie über mittelschwere Bauchkrämpfe klagte. Shipman sagte, er müsse einige Blutproben nehmen. Er verschrieb Diconal, eine Morphium-Form, und legte ihr nahe, sie solle ihre Haustür geöffnet lassen. So könne er in drei Stunden ihr Haus betreten, sollte sie eingeschlafen sein und die Untersuchung fortsetzen. Oswald tat wie ihr vom Arzt angeraten worden war. Das letzte Bild, an das sie sich in wachem Zustand erinnern konnte, war das von Shipman, der sich mit einer Spritze näherte. “Das nächste, woran ich mich erinnere: Viele Menschen, ich liege auf dem Boden, mein Mund blutet, ich kann nicht atmen. Die Menschen hauen mir auf die Wangen. Ich wollte einfach nur schlafen.” Shipman behauptete später, sie habe eine allergische Reaktion gehabt - und kam ungestraft davon. Erst später wurde klar, dass in diesem einen Fall sein Opfer mit dem Leben davongekommen war.

Das Ausmaß des Schreckens wird deutlich

Schon die Berichterstattung und die Tatsache, dass ein Arzt 15 seiner Patienten getötet hatte, sendete Schockwellen durch die Öffentlichkeit. Aber die 15 Taten stellten sich später als Spitze des Eisberges heraus: Eine Untersuchung von Professor Richard Baker analysierte die Todesfälle im Einzugsgebiet von Shipmans Arztpraxis und verglich sie mit Todesfällen in anderen Orten. Die Untersuchung ergab eine signifikant höhere Todesrate in Shipmans Einzugsbereich. Nicht nur traten die Tode in größerer Zahl auf - sie ereigneten sich auch immer wieder zur gleichen Tageszeit und kurz nachdem Shipmann seine Patienten verlassen hatte. Die Untersuchung kam zu dem grausamen Schluss, dass Shipman für den Tod von bis zu 236 Patienten verantwortlich zeichnete. Die schiere Zahl seiner Opfer machten Shipman zu einem der gefährlichsten Serienkiller der Welt - der sein Werk in einem kleinen, unscheinbaren englischen Dorf begonnen hatte - und 25 Jahre nicht gestoppt werden konnte.

Shipman verbrachte den Rest seines Lebens in einem Gefängnis - dort wurde er 2004 erhängt in seiner Zelle aufgefunden. #killer #krimi