Am 30 November 1948 begaben sich John Lyon und seine Frau auf einen Spaziergang am Somerton Strand in Adelaide, um sich den Sonnenuntergang anzusehen. Auf ihrem Spaziergang passierten sie einen auf dem Sand liegenden Mann. Sein Kopf war gegen eine Mauer gelehnt, ganz in der Nähe einiger Stufen, die von der Promenade zum Strand führten. Er trug einen Anzug und glänzend polierte Schuhe.

Das junge Paar schenkte dem Mann keine größere Beachtung. Sie hielten den Mann für betrunken und vermuteten, er sei ganz einfach die Treppen heruntergestolpert und setzten ihren Spaziergang fort.

Eine halbe Stunde später kehrten sie zurück und fanden den Mann in derselben Position vor.

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Mücken umschwirrten sein Gesicht. Das Paar war sich einig, der Mann müsse sturzbetrunken sein.

Lyon bemerkte am nächsten Morgen am Strand eine Menschenmenge. Neugierig näherte er sich, um herauszufinden: Der Mann war nicht betrunken – er war tot. Immer noch lag der Mann in der gleichen Position. Eine halb gerauchte Zigarette wurde auf dem Kragen gefunden.

Bei der Obduktion wurde der Todeszeitpunkt auf den 1 Dezember, 2 Uhr Nachts datiert – also 7 Stunden nachdem John Lyon und seine Frau ihn am Strand liegend beobachtet hatten.

Eine ausführliche Autopsie wurde vorgenommen. Jedoch konnte sich keine Todesursache eindeutig bestimmen lassen. Es wurde diagnostiziert, dass seine Pupillen kleiner als üblich waren. Auch seine Milz war deutlich vergrößert. Seine Leber war mit Blut gefüllt und verstopft.

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Seine Waden und Füße waren unüblich gut trainiert – ähnlich einem Ballettänzer.

Ebenfalls konnte festgestellt werden, der Mann habe zuletzt eine Teigtasche verspeist. Bluttests ergaben auf der Suche nach einer Vergiftung, die zunächst als Todesursache angenommen wurde, einen negativen Befund. Auch zur Identität des Mannes ergab die Autopsie keinerlei Hinweise.

In seinen Taschen fanden die Ermittler zwei Kämme, einige Streichhölzer, eine Packung Kaugummi und eine Packung Zigaretten der Marke Army Club. Sieben der Zigaretten in der Packung waren durch solche der teureren Marke Kensitas ausgetauscht worden. Kein Geld, keine Geldbörse, kein Pass wurden bei ihm gefunden. Sämtliche Schilder aus seinen Kleidungsstücken waren entfernt worden. Eine Jackentasche war mit einem orangefarbenen Faden zugenäht worden

Es wurden Fingerabdrücke abgenommen. Diese wurden ebenfalls an internationale Behörden zum Abgleich gegeben. Auch diese Maßnahme führte nicht zur Identifikation des Opfers.

Am 12 Januar 1949 konnte die australische Polizei einen Koffer ausfindig machen, der dem Somerton-Mann zugeordnet werden konnte.

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Er war seit dem 30 November am Bahnhof eingelagert worden.

Doch auch in diesem Fall führten die im Koffer gefundenen Besitzstände zu mehr Fragen und nicht zu Antworten. Die Ermittler fanden Teile eines orangenen Fadens – der gleiche mit der die Tasche des Mannes zugenäht worden war. Sie fanden zudem ein Messer, eine gefütterte Jacke, die scheinbar amerikanischen Ursprungs war. Der Koffer wies keine Schilder oder Hinweise seine Herkunft auf. Wie auch in den Kleidungsstücken des Mannes waren diese entfernt worden.

Eine weitere Untersuchung der Besitztümer im April 1949 führte zu der wohl bekanntesten Entdeckung des Falles. In einer kleinen Uhrentasche in der Hose des Sommerton Mannes wurde ein gerolltes Stück Papier gefunden, dass von den Ermittlern zunächst übersehen worden war.

Der untersuchende Ermittler John Cleland entrollte das Papier, auf dem nur zwei Worte geschrieben standen: „Tamam Shad“ – frei übersetzt, bedeutet dies so viel wie: „Es ist zu Ende“. Dies sind die letzten Worte des Buches „Rubaiyat“ von Omar Khayyam. Khayyams Buch war während des zweiten Weltkrieges in Australien ein vielgelesenes Buch.

Die Polizei wertete diesen Hinweis als ein Zeichen, dass es sich um einen Selbstmord gehandelt habe. Nie wurde eine offizielle Mordermittlung angesetzt. Stattdessen wurde der Fall als eine Vermisstensuche weitergeführt, da die Identität des Mannes nach wie vor nicht feststand.

Die Rubaiyat

Der Fall nahm eine erneute Wendung, als ein Exemplar der Rubaiyat der Polizei von Adelaide am 23 July 1949 zugeführt wurde. Ein Mann brachte das Buch zu einer Polizeistation und gab an, er habe es in seinem Auto gefunden. Als er das Buch geöffnet habe, habe er festgestellt, dass die letzte Seite fehlte. Durch Zeitungsberichte über den Sommerton Mann angeregt, brachte er das Buch dann zur Polizei, wo es dem Ermittler Lionel Leane übergeben wurde.

Im Buchrücken fand Leane einige Telefonnummern vor, die dort hineingekritzelt worden waren. Einige Großbuchstaben waren ebenfalls in den Buchdeckel eingestanzt. Die Polizei hatte eine neue Fährte, der sie folgen konnte.

Die Telefonnummer war nicht im Telefonbuch zu finden, konnte aber einer Krankenschwester namens Jestyn zugeordnet werden. Sie wohnte einen Block entfernt von der Stelle, wo der Somerton Mann tot aufgefunden wurde. Sie war die Mutter eines zweijährigen Sohnes mit dem Namen Robin, dessen Vater unbekannt war. Jestyn lebte noch unverheiratet mit ihrem Verlobten zusammen.

Die Krankenschwester gab an, sie habe ein Exemplar des Buches während des Weltkrieges einem Mann namens Alfred Boxall geschenkt.

Die Polizei nahm an, bei Alfred Boxall müsste es sich um den Somerton Mann handeln. Doch es stellte sich heraus, das Boxall am Leben war – und der Polizei auch das Exemplar der Rubaiyat zeigen konnte, das ihm von der Krankenschwester geschenkt worden war.

Die Polizei befragte erneut Jestyn im Jahr 1950. Sie zeigten ihr bei dieser Gelegenheit ein Foto des Somerton-Mannes, das die Krankenschwester nach Protokollen zu urteilen, sichtbar erschütterte. Dennoch gab sie an, den Mann nicht zu kennen.

Der Code

Der wohl mysteriöseste Hinweis, den die Polizei fand, waren einige Großbuchstaben, die im Buchrücken der Rubaiyat, die der Polizei 1949 zugeführt worden war, gefunden wurden. Die Buchstaben, die auch in den Medien veröffentlicht wurden, stellten eine Art Code da, an dem sich zahllose Code-Knacker bis heute vergeblich versucht haben. Der Code lautete

WRGOABABD

MLIAOI

WTBIMPANETP

MLIABOAIAQC

ITTMTSAMSTGAB

Die australische Navy versuchte sich ebenso an dem Code. Sie vermuteten, dass der Code in Englisch verfasst wurde, und das die Buchstaben jeweils den ersten Buchstaben eines Wortes wiedergeben. Den Code knacken konnten jedoch auch sie nicht.

Spion oder verzweifelter Vater?

Das Rätsel des Somerton Mannes ist bis heute nicht gelöst. Zwei Theorien haben sich bisher durchgesetzt:

Die erste Erklärung besagt, der Somerton Mann könnte der Vater des zweijährigen Robin sein – die Krankenschwester habe ihre Bekanntschaft mit dem Opfer geleugnet. Diese Theorie stützt sich auf äußerliche Ähnlichkeiten von Robin und dem Somerton-Mann. Die Erklärung, die viele Beobachter des Falles fanden, lautete wie folgt: Die Krankenschwester Jestyn, zu diesem Zeitpunkt nicht verheiratet, hatte ein Kind zusammen mit dem Somerton-Mann. Sie verheimlichte den Vater ihrem zukünftigen Verlobten. Dem Somerton-Mann habe sie zu verstehen gegeben, er könne sein Kind nicht länger sehen. Verzweifelt habe sich der Mann durch Einnahme eines nicht nachweisbaren Gifts das Leben genommen.

Eine zweite Theorie versucht den Fall damit zu erklären, der Somerton-Mann sei ein Spion gewesen. Der Code in seinem Buch sei eine versteckte Botschaft gewesen. Bevor er diese jedoch übermitteln konnte, sei er aufgeflogen und urch vergiftete Zigaretten getötet worden. Da der Mann ein Spion sei, sei es erklärbar, dass bisher niemand den Mann identifizieren wollte.

Beide Theorien haben ihre Stärken und Schwächen und werden nach wie vor heiß im Internet diskutiert. Eine letztgültige Antwort auf die Fragen, die der Fall des Somerton Mannes aufwirft, wird es wohl nie geben. #Mystery #grusel