Es ist schlechtes Wetter, der Himmel ist grau und der bissige Wind auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor gräbt sich verlässlich durch Mütze und Winterjacke. Durch diese triste Stimmung brechen die schallenden Rufe eines älteren Mannes. Er trägt verlumpte Klamotten und hält mit löchrigen Wollhandschuhen eine große Wasserflasche. Seit über vier Stunden geht er nun auf und ab, hebt energisch und wütend seine Arme und zeigt abwechselnd in Richtung der französischen und amerikanischen Botschaft. Die fettigen Haare hängen ihm in das rote Gesicht. Ein Wirrwarr aus Thesen und Anschuldigungen, allesamt auf französisch. Für den, der die Sprache nie gelernt hat, sind nur die Wörter "police" und "gouvernement" zu deuten. Ob er verstanden wird, bedeutet ihm nicht viel - es ist das Prinzip, das zählt. Das Prinzip, das rausschreien zu dürfen, was, wo und wann man möchte.


Es hat mal wieder eine Tragödie gebraucht, um zu erkennen, dass etwas ganz gehörig falsch läuft. Letztlich ein Anschlag auf europäischem Boden, in der Stadt der Liebe bewirkt, dass die breite Masse sich wieder fragt, was wir denn hier eigentlich veranstalten. Es wird vollends erkannt, dass die Menschheit an ihren selbsterklärten Grenzen Fronten bildet und diese stark umkämpft sind. Satiriker sterben für religiöse Ideale, die Peshmerga schickt ihre Kämpfer gegen die Staatsbildung des IS und den Genozid ihres Volkes und in Ferguson werden Proteste gegen die Rassenfeindlichkeit von der Nationalgarde zerschmettert. Wir hingegen versuchen uns auf eine Seite zu schlagen und das "Warum?" zu beantworten. Es gibt keine Seiten und es gibt auch keine Antwort. Das Problem muss mit einer Frage gelöst werden, die uns immer wieder unsere Pflicht in den Kopf rufen soll: miteinander und nicht gegeneinander leben. Sie lautet: "Wer sind wir?"


"Nous sommes Charlie!" lesen die Schilder, die vor der französischen Botschaft in Berlin in unzählbar viele Blumensträuße eingebettet sind. Hunderte Kugelschreiber und Bleistifte konterkarieren die Maschinengewehre und das Leid in den Brandherden der heutigen Welt. Heruntergezogene Mundwinkel, aufmerksame Wachleute der Botschaft und die Berliner Polizei, die Kniefälle der Trauernden. Die Farbenvielfalt des Blumenmeeres scheint die traurige Atmosphäre durchbrechen zu wollen. Schaut man genauer, so erkennt man jedoch viele verschiedene Appelle. "Dialog statt Krieg - ich bin auch Ahmed und Mustafa!" und "Je suis Juif!" als zwei Beispiele aus vielen. Wir sind die und wir sind der. Muslime oder Juden, Weiße oder Schwarze - die endlose Leier, dass wir alle gleich sind ist und bleibt eine Prämisse, nach der man irgendwann einmal anfangen muss zu leben!

Wir wollen uns mit den Betroffenen identifizieren, möchten ihnen und der Welt durch unsere Trauer zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Das ist ein guter Anfangspunkt und ein natürlicher. Aber darauf kann man aufbauen. Man kann nicht nur um Charlie Hebdo weinen - trauert auch um die getöteten Juden im "Hyper Cache"-Supermarkt und den muslimischen Polizist, der niedergestreckt wurde. Kurz: weint nicht um Religionen und Staatsangehörige - weint um die Menschen, die sterben.


Die Menschen sind Vielfalt und genau aus diesem Grund sind wir Schönheit. Wir können uns nur über unsere Verschiedenheit definieren, denn alles andere würde nur einen Bruchteil von uns zur Verallgemeinerung werden lassen. Grenzen zu ziehen mag Ordnung bringen, aber diese Grenzen nicht überschreiten zu dürfen und nicht hinter die Fassade schauen zu können, das ist falsch. Es führt zu Isolation - zur Abgrenzung.


Offenheit, Toleranz und die Neugier am Fremden; das ist ein Appell, den viele verinnerlichen sollten.

Wir sind nicht viel anders als das Blumenmeer von Berlin. #Terror #Islam