Das Schreiben wurde am 13. Januar in der Druckausgabe des Handelsblattes veröffentlicht und blieb seitdem weitestgehend unbeachtet. Nach dem Wahlsieg von Syriza am 25. Januar ist der offene Brief nun online veröffentlicht worden und auf neues Interesse gestoßen, da er einen Einblick in die Gedankenwelt des neuen griechischen Ministerpräsidenten bietet.

Griechenland war bereits 2010 zahlungsunfähig

Tsipras wendet sich darin nicht an Diplomaten oder Politiker, sondern an den einfachen deutschen Bürger. Er warnt vor Vorurteilen gegenüber seinem Volk und stellt die Eurorettungspolitik aus seiner Sicht heraus dar: Griechenland sei bereits 2010 nicht mehr in der Lage gewesen, seine Kredite zu bedienen. Anstatt dem völlig überschuldeten Land im Rahmen eines Schuldenschnittes einen Teil seiner Schulden zu erlassen, hätten die europäischen Staaten stattdessen weitere Kredite vergeben. Durch die gleichzeitige Aufoktroyierung einer rigiden Sparpolitik sei die griechische Wirtschaft derart geschwächt worden, dass die Rückzahlung der nun noch höheren Verschuldung vollends verunmöglicht wurde. Tsipras vergleicht dieses Vorgehen mit einer Konkursverschleppung und der Geschäftspraxis unseriöser Banken.

Deutschland war zu großzügig

Deutschland habe daher Griechenland nicht zu wenig Geld geliehen, sondern sogar zu viel. Umgekehrt hätte auch die alte Regierung der konservativen Nea Demokratia und der sozialdemokratischen Pasok das Geld samt Sparplan gar nicht erst annehmen dürfen. Das Resultat sei eine regelrechte Verarmung unterer Gesellschaftsschichten und ein Sterben von Investitionen abhängiger griechischer Firmen gewesen.

Europa braucht einen "New Deal" 

Solange dieses "fiskalische Waterboarding" anhalte, sei eine Bedienung der Schulden durch Griechenland illusorisch. Der deutsche Arbeiter habe daher von einem Wahlsieg Syrizas nichts zu befürchten, da ein Ende der Troika-Herrschaft unabdingbar sei.

Abschließend äußert Tsipras Verständnis für die deutsche Angst, dass Griechenland im Falle einer "Atempause" bei der Schuldenbedienung wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen könnte. Allerdings sei seine Partei nicht für die Fehler der Vergangenheit verantwortlich. Europa brauche einen "New Deal", der dem griechischen Volk seine Würde zurückgebe.

Bisher nur schöne Worte

Konkreter wird Tsipras jedoch nicht: Der Volkstribun, der für das Versprechen gewählt wurde, die Troika aus dem Land zu jagen, hat auch seinem Volk noch nicht plausibel vermittelt, wie die versprochenen Renten- und Mindestlohnerhöhungen im zweistelligen Prozentbereich und die zahlreichen anderen sozialpolitischen Rosinen von dem strukturell verarmten Land bezahlt werden sollen. Heute wurde von Syriza-Politikern erstmals eingeräumt, dass der versprochene Schuldenschnitt wahrscheinlich nicht kommen wird. Stattdessen sei eine Umschuldung anzupeilen. Auch die Lohnerhöhungen sollen nun nicht mehr auf einen Schlag erfolgen. Wie diese Konfrontation mit der Realität bei den Wählern ankommt, bleibt abzuwarten.

Kooperation mit Russland?

Wenn Tsipras seine Wahlversprechen auch nur ansatzweise umsetzen will, bleiben ihm nur zwei Möglichkeiten: Doch noch einen Schuldenschnitt zu erreichen oder aber statt mit der EU mit Russland zu kooperieren. Der Kreml hat Tsipras bereits finanzielle Hilfen angeboten. Dass die Griechen aber tatsächlich zum geopolitischen Bruch mit dem Westen bereit sind, bleibt eher unwahrscheinlich. Zu ungewiss wären die Folgen - insbesondere auch für den Tourismus, dem wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes.
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