Während Sozialausgaben europaweit gekürzt werden, ist die Zahl derjenigen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren massiv im Steigen. EU-weit sind es ca. 94 Millionen Menschen, die diesen Weg beschreiten. Die Hilfsbereitschaft und das Engagement aller ehrenamtlich Tätigen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Regierungen der EU verstärkt ihrer ureigenen staatlichen Aufgabenbereiche wie z.B. Gesundheit, Soziales und Pflege, verstärkt entledigen und in den ehrenamtlichen Bereich verschieben.

Durch Einsparungen entstehen Lücken. Ohne Menschen, die solche Lücken durch Engagement, Projekte, Spenden und viel Kreativität zu füllen versuchen, wäre so mancher Sozialstaat nicht mehr aufrechtzuerhalten. Während auf der einen Seite Knappheit und Not oftmals das Beste aus dem Menschen herausholen, besteht auf der anderen Seite die Gefahr der emotionalen Erpressung. Wenn von staatlicher Seite davon ausgegangen wird, dass die, durch Kürzungen entstandene Lücke durch Privatinitiativen geschlossen wird, gibt es keine Veranlassung mehr sich um soziale Budgets oder sinkende Sozialstandards Gedanken zu machen.

In England wurden soziale Leistungen für kognitiv beeinträchtige Personen mit der Begründung, dass dieser Bereich durch Ehrenamtliche günstiger und effizienter bedient werden kann, auf ein Minimum gekürzt. Diese Annahme stellte sich als Irrtum heraus.

Problematisch wird es, wenn Ehrenamtlichkeit in den arbeitsmarktnahen Bereich gedrängt wird so wie es im Pflegesektor der Fall ist. Aufgaben werden von einem bezahlten in einen unbezahlten Bereich verschoben. Der monetäre Wert dieser Aufgabeverschiebungen geht in die Milliarden und hat auch volkswirtschaftliche Auswirkungen.

Im "Engagementatlas" der Prognos AG, welcher 2009 veröffentlicht wurde, beläuft sich der Arbeitswert durch ehrenamtliche Tätigkeit alleine in Deutschland auf 35 Milliarden Euro. Die 16,2 Stunden, die in Deutschland monatlich und durchschnittlich geleistet werden, entsprechen demnach rund 3,2 Millionen Vollarbeitsstellen.

Nicht bedacht wird auch, dass der Anteil der Freiwilligen sehr stark vom Einkommen abhängt. Je wohlhabender die Durchschnittsbevölkerung desto größer das freiwillige Engagement. Das zeigt sich auch im Nord-Süd-Gefälle der EU Staaten bezüglich ehrenamtlich Tätiger. Während z.B. Deutschland, Österreich und Schweden mit über 30% Freiwilligenanteil zu den Spitzenreitern gehören sind es in Bulgarien und Litauen weniger als 10%, die sich ehrenamtlich engagieren.

Bei einem Absinken des Lohnniveaus und steigender Arbeitslosigkeit wird es auch zu einem Absinken der Bereitschaft sich ehrenamtlich zu engagieren kommen. Dieses Absinken wird kurz- bis mittelfristig zu einem Kollabieren des Gesundheits- und Sozialbereichs in vielen EU Staaten führen wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Eine Lösung wäre es, wenn neben der sozialen Anerkennung auch der finanzielle Aspekt der Ehrenamtlichkeit gewürdigt wird und die Einsparungen in diversen Budgethaushalten direkt den freiwillig Tätigen zu Gute kommen würde. #Europäische Union