Sozialarbeiter können nur dann politische Verantwortung tragen, wenn Sie die politische Macht besitzen, etwas zu verändern. Doch haben sie politische Macht?

Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst der Begriff 'Macht' definiert werden. Arendt hat eine sehr spezifische Vorstellung dieses Begriffs, den sie einer anderen Abhandlung über den Unterschied zwischen Macht und Gewalt darlegt1. Macht ist bei ihr die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen Menschen einvernehmlich zu handeln. Über Macht können immer nur mehrere Menschen verfügen, ein Einzelner besitzt lediglich Gewalt (vgl. ARENDT 2003, S. 45). Aufgrund Arendts Definition von Macht besitzt die Regierung im vorliegenden Beispiel keine Macht, da sie mit gewalttätigen, verbrecherischen Mitteln arbeitet. Die Sozialarbeiter jedoch haben zunächst einmal Macht über das, was in ihrer Einrichtung geschieht, da sie dort gemeinsam und kommunikativ zusammenarbeiten. Da sie diese Macht besitzen, sind sie nach Jonas auch für die in der Einrichtung befindlichen Personen (künstlich), und damit für das Mädchen, verantwortlich.

Die Frage nach politischer Macht ist schwieriger zu beantworten. Hierzu müsste für die Sozialarbeiter die Möglichkeit bestehen, gemeinsam mit anderen Menschen im Gemeinwesen zu handeln und so durch diskursive Kommunikation zu einem Urteil zu kommen. Dann hätten sie eine Verantwortung für die Welt, die kein Zweck oder Ziel verfolgt.

Liegen diese Kriterien nicht vor, befinden sich die Mitarbeiter in einer Ohnmachtssituation, in der sie keinerlei Macht haben. Sie hätten in diesem Fall keinerlei Möglichkeit, etwas an ihrem Dilemma zu ändern. In diesem Fall müssten sie sich dennoch, so Arendt, auf ihre persönliche Verantwortung beziehen und sich dementsprechend aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Sie dürften Korruption nicht unterstützen und müssten andere Möglichkeiten der Hilfe für das schutzbedürftige Mädchen finden. In einem solchen Ohnmachtsfall hätten sie keine politische Verantwortung, weil sie keine politische Macht besitzen.

Die Autorin dieser Arbeit ist allerdings überzeugt, dass es immer eine Möglichkeit gibt, Menschen zu aktivieren, zu motivieren und miteinander in Kommunikation zu treten. Denn ein anwaltschaftliches Einsetzen für benachteiligte Menschen und das Erschaffen eines diskursiven, ermächtigten Gemeinwesens ist originäre Aufgabe der Sozialen Arbeit. Unter den vorherrschenden Bedingungen in Kamerun ist es wichtig, sozialpolitisch immer wieder für Unruhe zu sorgen und sich der Öffentlichkeit nicht zu entziehen, um politischer Verantwortung zu entgehen. Vielmehr müsste aktiv versucht werden, die Gegebenheiten des Landes zu verbessern, da immer eine 'Minimalmacht' besteht, solange keine kriegerischen Zustände vorherrschen. Es könnte an dieser Stelle deshalb auch argumentiert werden, dass die Sozialarbeiter politische Macht haben, da sie eine starke Stellung im Gemeinwesen haben und damit viele Menschen aktivieren könnten. Außerdem besitzen sie gute Kontakte zur Opposition sowie nach Europa. Indem Informationen über den schlechten Zustand der Regierung und dem damit verbreiteten Leid an verschiedene Stellen fließen würden, könnte dies eventuell Druck auf die Regierung ausüben. Denn auch Information kann eine Art politische Macht sein.

1 ARENDT, Hannah (2003): Macht und Gewalt. 20. Auflage. Piper Taschenbuchverlag. München/Zürich.