Ein im Heim lebendes, neunjähriges Mädchen, wird nach der Schule von ihrem Vater entführt und mehrfach sexuell missbraucht. Nach drei Wochen wird sie vor dem Kinderheim wieder 'ausgesetzt'. Die Mitarbeiter kennen den Vater und dessen Wohnort und zeigen diesen bei der Polizei an. Diese allerdings weigert sich, ohne entsprechende "Motivation", also Schmiergeld, tätig zu werden. Die Sozialarbeiter sehen sich nun einem Zwiespalt gegenüber: Leihen sie sich Geld, das sie nur schwer zurückzahlen können, und bezahlen damit die korrupten Polizisten, bringen sie das Mädchen außer Gefahr. Unterstützen sie diese Art der Ausbeutung nicht, so leben sie und das Mädchen in ständiger Angst vor einer erneuten Entführung und der Täter wird nie zur Rechenschaft gezogen. In diesem Dilemma stellt sich die oben genannte Frage, ob zum Schutz des Mädchens ein "politisch" problematisches Handeln (Korruption) zu verantworten ist oder nicht.

Um diese Frage zu beantworten, werden zunächst unterschiedliche Verständnisse des Begriffs Verantwortung nach Arendt und Jonas dargestellt. Anschließend wird am geschilderten Fall argumentiert, welche Art der Verantwortung die Sozialarbeiter haben und nach welcher hier vorrangig gehandelt werden müsste. Dabei wird abschließend eine Antwort auf die Frage gefunden, ob ein politisch problematisches Verhalten unter gewissen Umständen vertretbar ist oder nicht.

Arendt und Jonas sprechen von unterschiedlichen Arten von Verantwortung. Arendt unterscheidet zwischen einer persönlichen und einer politischen Verantwortung. Dies macht sie am Begriff der Kollektivschuld fest. Nur eine Regierung könne eine solche Verantwortung für die Taten Anderer übernehmen, von persönlicher Schuld könne jedoch nur gesprochen werden, wenn man eine Tat als Individuum begangen habe (vgl. ARENDT 1989, S. 81f.). Persönliche Verantwortung heißt bei Arendt, als frei denkender Mensch Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Dies setzt die Fähigkeit zu Denken, ein Hineinversetzen in den Standpunkt Anderer sowie eine kritische Sicht auf das Leben voraus. Nur dann komme man ins Urteilen und bilde sich eine eigene Meinung, die darauf gründet, dass man sich in einer Art persönlichem, inneren Zwiegespräch fragt, ob man durch das beabsichtigte Verhalten auch zukünftig mit sich selbst in Frieden zusammenleben kann (vgl. ebd., S. 93f.).

Eine politische Verantwortung ist immer eine Verantwortung, die man für andere Menschen, "für die Welt" (ebd., S. 94), übernimmt. Dabei muss die persönliche Verantwortung Grundlage des Handelns bilden, da nicht eine Verantwortung zugunsten der Anderen zurückstehen kann. Denn auch Politiker sind z.B. nur Menschen und haben daher die persönliche Verantwortung für ihr eigenes Handeln (vgl. ebd., S. 83). Reflektieren und urteilen Menschen nicht und unterstützen deshalb die Handlungen einer Regierung, indem sie 'mitmachen', so sind sie auch politisch verantwortlich für die Taten der Regierung (vgl. ebd., S. 86). Kommen Menschen jedoch zum Urteil, dass sie die Handlungen einer Regierung nicht für gut befinden, so müssten sie sich, entsprechend ihrer persönlichen und politischen Verantwortung, gegen diese Taten auflehnen. Arendt beschreibt jedoch auch die Möglichkeit, keine politische Verantwortung zu haben. Eine solche Verantwortung sei nur vorhanden, wenn man auch ein Mindestmaß an politischer Macht besitze (vgl. ebd., S. 83). Als Beispiel nennt sie die Menschen im Dritten Reich, die sich aus der politischen Öffentlichkeit heraushielten, also weder bei den verbrecherischen Machenschaften des Regimes mitmachten, noch sich gegen diese auflehnten. Nach Arendt befanden sich diese Menschen in einer Ohnmachtssituation, ohne jegliche Macht über Andere. Sie entschieden sich bewusst, ihrer persönlichen Verantwortung zu entsprechen und konnten daher keine politische Verantwortung übernehmen, sondern entzogen der Regierung ihre Unterstützung und leisteten damit passiven Widerstand. Diejenigen, die 'mitmachten', hatten also politische Macht und übernahmen deshalb auch automatisch politische Verantwortung für diese Taten, indem sie sie unterstützten (vgl. ebd., S. 93, S. 95f.). Sie sind dadurch auch persönlich zu verantworten, denn sie entschieden sich bei der Wahl zwischen Mitmachen und Sterben für das kleinere Übel und vergaßen dabei aber, so Arendt, dass das kleinere Übel immer noch ein Übel darstellt und von der Regierung dazu genutzt wird, "das Übel an sich zu akzeptieren" (ebd., S. 86). #Krieg