"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." So heißt es im ersten Kapitel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Während die Vereinigten Staaten von Amerika Kanzlerin Merkel im Ukraine Konflikt wegen des Nichtreagierens auf Menschenrechtsverletzungen geißeln, pflegen die USA Kontakte zu Saudi Arabien, das seit Jahren durch Menschenrechtsverletzungen von sich reden macht. Das von EU Sanktionen gebeutelte Russland nimmt sich neben Staaten, welche die Rettungsmission „mare nostrum“ abgeschafft haben, wie ein Waisenknabe aus. Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen? Doch genau das passiert in der öffentlichen Meinung mit den Menschenrechten.

Während Menschenrechte gerne als Legitimationsgrund für wirtschaftliche und militärische Interventionen gelten, ist das Einstehen für Menschenrechte nicht mehr so populär, wenn wirtschaftliche oder politische Konsequenzen drohen. Der Spruch „Wenn du die Wahrheit wissen willst, folge dem Lauf des Geldes. Alles andere ist Theater“ scheint für den aufmerksamen Betrachter den Nagel auf den Kopf zu treffen. Aus dieser Sicht betrachtet, scheint Menschenwürde eher als emotionell gefärbte Brille, die man sich je nach Bedarf aufsetzt oder einsteckt. Die Würde des Menschen hängt von der jeweiligen Perspektive ab.

Neben Menschenrechtsverletzungen in Kriegsgebieten wie der Ukraine, sind es auch die Bekämpfung des Terrorismus, Austeritätspolitik und die Flüchtlingsproblematik, welche die Grundrechtssysteme der westlichen Staaten unter Druck setzen. Da wird abgewogen, taktiert und die Menschenrechtsverletzung des jeweils anderen an den Pranger gestellt oder unter den Tisch gekehrt. Je nach Bedarf wird die öffentliche Wahrnehmung an- oder ausgeschaltet. Am stark polarisierenden Beispiel Griechenlands lässt sich die Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung von den Menschenrechten weg, hin zur reinen Schuldenfrage, gut erkennen.

Laut Spiegel haben englische Forscher im Medizinjournal "The Lancet" eine Studie über die Auswirkungen der Sparmaßnahmen in Griechenland veröffentlicht. In dieser Studie ist unter anderem von einem Anstieg der Säuglingssterblichkeit um 43 %, einer Erhöhung der Suizidrate um 36 % und von 800.000 Griechen ohne Versicherungsschutz die Rede. Wären politische Aktivitäten, die solche Auswirkungen auf die deutsche Bevölkerung haben, undenkbar, ist es bei den Griechen anscheinend egal, solange sie nur ihre Schulden zahlen.

So manchen mögen die verheerenden sozialen Auswirkungen der Sparpolitik auf die griechische Bevölkerung kaltlassen, dafür aber die humanitäre Katastrophe in der Ukraine oder die Flüchtlingsproblematik tief ins Mark erschüttern. Gründe für jede Art von Betrachtungsweisen gibt es wie Sand am Meer. Trotz aller Rufe nach mehr Menschenwürde und ihrer Durchsetzung darf nicht vergessen werden, dass Menschenrechte Teil einer demokratiepolitischen Willensbildung sind und deshalb vorwiegend von der Bevölkerung getragen werden. Durch eine Verrohung und Desensibilisierung in Bezug auf Menschenrechte wird auch deren Einhaltung und Durchsetzung immer schwerer.

Die öffentliche Diskussion über den Nutzen der Folter bei der Terrorismusbekämpfung, bis hin zu notwendigen zivilen Opfern bei Drohnenangriffen ist dem Grundgedanken der Menschenwürde sicher nicht dienlich. Wer Menschenrechte wirksam schützen will, muss aufhören sie gegen wirtschaftliche oder militärische Interessen aufzurechnen. Das Pochen auf Einhaltung von Menschenrechten in Konfliktfällen ist zwar richtig, kann sich aber nur als verspätet herausstellen. Abgesehen davon, dass es immer der jeweils andere ist, welcher die Menschenrechte verletzt, wären Konfliktfälle bei konsequenter Einhaltung der Menschenrechte relativ unwahrscheinlich. Die Definition von Menschenrechten darf jedoch nicht politischer Willkür oder einem bestimmten kulturellen Blickwinkel überlassen werden und verlangen weltweite Achtung und Schutz. Vor allem verlangen sie eine Sensibilisierung und „Entrohung“ der Öffentlichkeit. #Europäische Union #Depression