Es gibt Situationen im beruflichen Alltag eines Sozialarbeiters, die sich mit diesem Dilemma umschreiben lassen. Immer wieder wird man vor die (scheinbare?) Wahl gestellt, sich zwischen zwei 'Übeln' entscheiden zu müssen. Besonders deutlich wird dieser Konflikt im dreifachen Mandat des Sozialarbeiters beschrieben: Beruflich ist er immer sowohl seinem Klienten (Hilfe), dem Staat (Kontrolle) und den wissenschaftlichen, professionellen Methoden/dem berufsethischen Kodex verpflichtet. Den 'richtigen' Ausweg aus diesen verschiedenen, oft widersprüchlichen Anforderungen zu finden, hängt eng mit der Frage zusammen, für welche Handlungen man die Verantwortung trägt und wie das Wissen um eine mögliche, zukünftige Verantwortung die momentane Handlungsentscheidung im vorliegenden Dilemma determiniert.

Hannah Arendt1 und Hans Jonas2 beschäftigen sich in ihren Schriften mit dem Begriff der Verantwortung und finden dabei unterschiedliche Kategorisierungen. Sie sollen deshalb nachfolgend zur Hilfe genommen, um die oben genannte Frage zu beantworten. Dazu wird zunächst eine beispielhafte Situation beschrieben, auf deren Grundlage diese ethische Diskussion um Verantwortung geführt wird. Dies ermöglicht eine konkretere Analyse dieser abstrakten Fragestellung und erleichtert eine anschaulichere Diskussion. Anschließend werden die, zur Beantwortung dieser Frage zu Hilfe genommenen, Texte nach Arendt und Jonas dargestellt, um ausgehend davon die Frage dieses Essays argumentativ zu beantworten. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird dabei ausschließlich die männliche Form verwendet, die weibliche Form ist dabei selbstverständlich immer mit eingeschlossen.

Das Fallbeispiel ist der Fremdpraktikumsstelle der Autorin entnommen. Um einen besseren Überblick über die Diskussionsgrundlage zu ermöglichen, werden diese Einrichtung sowie das Fallbeispiel nachfolgend vorgestellt.

Die Einrichtung, das Kinderheim 'Garden for Education and Healing (GEH)', befindet sich im zentralafrikanischen Bamenda, Kamerun. Die nichtstaatliche, christliche Einrichtung, die überwiegend von europäischen Spenden lebt, kümmert sich um Waisen und andere hilfsbedürftige, misshandelte, missbrauchte, traumatisierte Kinder, die auf der Straße lebten, aus Kinderhandel oder -arbeit gerettet wurden und teilweise geistig und körperlich behindert oder HIV-positiv sind. Etwa 25 Kinder jeglichen Alters leben in GEH und werden dort physisch, psychisch und materiell von zwei Nonnen und zwei Sozialarbeitern unterstützt. Die Mitarbeiter sind dabei keinem gesetzlichen Auftrag verpflichtet, sie werden durch ihre Klienten, durch gesellschaftliche Erwartungen, ihren Glauben und dem daraus entstehenden Verantwortungsgefühl zur Arbeit beauftragt. Hin und wieder beansprucht allerdings auch die Regierung die Dienste von GEH. Das politische und soziale Umfeld des Hauses ist momentan als sehr kritisch einzustufen. In Kamerun werden Menschen- und Kinderrechte immer noch übergangen, die Haftbedingungen des Landes sind miserabel3 und etwa 48% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze4. Außerdem gilt Kamerun als eines der korruptesten Länder der Welt und wird in Afrika nur noch von Nigeria übertroffen (vgl. MEHLER 2004, S. 178). Damit gehört Korruption für die Bevölkerung zum alltäglichen Leben5, was für das nachfolgend erläuterte Fallbeispiel von Bedeutung ist.

1 ARENDT, Hannah (1989): Nach Auschwitz. Essays & Kommentare 1. Herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann. Edition Tiamat. Berlin. S. 81-97.

2 JONAS, Hans (1984): Theorie der Verantwortung. In: Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Suhrkamp Insel Verlag. Frankfurt. S. 384-393.

3 MEHLER, Andreas (2004): Kamerun. In: Hofmeier, Rolf/Mehler, Andreas (Hrsg.): Afrika Jahrbuch 2003. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Afrika südlich der Sahara. Institut für Afrikakunde. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden. S. 177 - 182. S. 178.

4 CIA - Central Intelligence Agency (2011): The World Factbook. Cameroon. 17.09.2011.

5 ROUT BIEL, Melha (2002): Sozialarbeit auf dem afrikanischen Kontinent. Möglichkeiten und Grenzen europäischer Sozialpädagogik. Tectum Verlag. Marburg. S. 45. #Krieg