Frankreich erschüttert nach dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris ganz zu Beginn des Jahres 2015 ein erneuter antesemitischer Gewaltakt.

In der Nacht zum Sonntag wurde der Jüdische Friedhof im elsässischen Sarre-Union geschändet. Dies teilte Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve am Sonntagabend in Paris mit und verurteilte die Tat aufs Schärfste.

Bei dem antisemitischen Anschlag wurden etwa dreiviertel der rund 400 Gräber verwüstet. Die Schändung des Friedhofs in Sarre-Union ist nicht der erste Übergriff auf die jüdische Ruhestätte im Elsass. Bereits 1988 und 2001 kam es dort zu antisemitisch motiviertem Vandalismus. Allerdings stehen die vorausgegangen Taten in keinem Verhältnis zu denen vom vergangenen Wochenende. Die Behörden gehen auf Grund der Massivität der Verwüstungen von einer organisierten Tat aus. So verwies der elsässische Präsident des Nationalrats allein in diesem Zusammenhang darauf, dass die schweren Grabsteine und Stehlen, die nun wie Trümmer über den Friedhof verstreut liegen, einzementiert waren und teilweise seit dem 19 Jahrhundert nicht mehr bewegt worden seien. Die Ausmaße verleiteten den Straßburger Großrabbiner René Gutman, der unmittelbar zur Besichtung des Tatorts anreiste, von einem Bild der Verzweiflung, das sich einem böte, zu sprechen.

Die Polizei ermittelte indes zunächst bis einschließlich Montag und nahm schließlich am Nachmittag fünf Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren vorläufig in Untersuchungshaft. Weitere Details zur Tat sind zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.

Bekannt und sicher ist hingegen, dass die Beobachtungsstelle Kriminalität und strafrechtliche Verfolgung (ONDRP) sowie die jüdische Beobachtungsstelle SPCJ seit dem Jahr 2000 einen ständigen Anstieg von antisemitischen Angriffen oder Drohungen verzeichnet. Allein 2014 hatte sich die Anzahl mit 851 Anzeigen im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Selbstverständlich sind die Vergehen nicht alle von vergleichbarer Intensität. Sie reichen von Schmierereien über Drohungen bis hin zu Gewalttaten. Ferner haben die Hintergründe der Taten ein breites Spektrum. Letztlich sind es aber vor allem eben die gewaltsamen Übergriffe der jüngsten Vergangenheit, wie der Überfall auf ein jüdisches Paar in dem Pariser Vorort Créteil im Dezember 2014 und der Terroranschlag auf den koscheren Supermarkt im Januar diesen Jahres, welche selbst durch die Reihen der Politik einen deutlichen Ruck jagen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ruft vor diesem Hintergrund offiziell zur Auswanderung nach Israel auf. Ein kritischer Umstand, da schon seit 2013 vermehrt französische Staatsbürger jüdischen Glaubens nach Israel übersiedeln und zwar ungeachtet der dort zu erwartenden politischen und wirtschaftlichen Instabilität. Frankreichs Ministerpräsident Françoise Hollande wehrt sich entschieden gegen Netanjahus Aufruf und bekräftig, dass die Juden ihren Platz in Europa und besonders Frankreich hätten. Zugleich signalisiert der Premier Manuel Valls seine Betroffenheit und Solidarität und bittet die jüdischen Mitbürger zu bleiben.

Die Gründe für die steigende Anzahl antisemitischer Taten in Frankreich sind vielfältig. Dazu zählt unter anderem die antisemitische Verortung der Front National, sowie der israelisch-palästinensische Streit der in der französischen Gesellschaft ausgetragen wird, wie beispielsweise die Politologin Nonna Mayer und der Soziologe Michel Wieviorka unterstreichen. #Europäische Union #Rassismus