Jonas definiert zunächst einmal den Begriff der Verantwortung. Diese könne man nur haben, wenn die Folgen eines Handelns diesem kausal zugeordnet werden können, er spricht dann von legaler Verantwortung (vgl. JONAS 1984, S. 384f.). Man müsse außerdem die Macht haben, etwas zu verändern, sonst sei auch keine Verantwortung möglich (vgl. ebd., S. 386). Mit dieser Aussage unterstützt er Arendt Argumentation. Nach Jonas bedeutet Macht immer eine Art 'Gefälle' zwischen Menschen, eine Verantwortung unter Gleichgesinnten gibt es nicht. Somit kann Macht auch ein Vorsprung in Wissen, Kompetenzen oder Sicherheiten sein, die dann für die Interessen des Anderen eingesetzt werden. Damit hat und übernimmt man Verantwortung für den Anderen (vgl. JONAS 1984, S. 389). Außerdem unterscheidet Jonas zwischen einer zurückschauenden Verantwortung, die einem 'von außen' für ein Verhalten zugeschrieben wird, und einer vorausschauenden Verantwortung, die man bewusst übernehmen und ihr gerecht werden muss (vgl. ebd., S. 384ff.). Er spricht dabei nicht wie Arendt von einer persönlichen Verantwortung für sich selbst, sondern definiert Verantwortung immer als Verantwortung für Andere. Dennoch setzt er, wie Arendt, ein Urteilen voraus (vgl. ebd., S. 386), weshalb es auch möglich sei, einem Höhergestellten gegenüber ungehorsam zu handeln, um seiner Verantwortung gerecht zu werden (vgl. ebd., S. 388). Nach Arendt ist das Wort 'Gehorsam' immer als überflüssig zu betrachten, da sich dieses nur bei Kindern, jedoch nicht bei urteilsfähigen Erwachsenen, eigne (vgl. ARENDT 1989, S. 97).

Jonas unterscheidet desweiteren zwischen einer natürlichen und einer künstlichen Verantwortung. Die natürliche Verantwortung beruht auf einer unwiderruflichen, unkündbaren, globalen und damit totalen Verantwortung, die entweder freiwillig angenommen oder übertragen wurde. Als Beispiel nennt er die Verantwortung von Eltern für ihre Kinder. Eine künstliche Verantwortung könne man durch Vertrag, stillschweigende Vereinbarung oder auch einfach aus sich ergebender Kompetenz haben. Sie ist klar definiert und zeitlich abgegrenzt und wird sofort mit 'Vertragsabschluss' übernommen (vgl. JONAS 1984, S. 389f.). Eine Sonderstellung nimmt bei Jonas die politische Verantwortung ein. Hier sei der normale Ablauf umkehrt: Menschen streben zuerst nach Macht und übernehmen erst dann die Verantwortung für Andere (vgl. ebd., S. 391). Seine Vorstellung einer politischen Verantwortung bezieht sich dabei primär auf Politiker und nicht, wie bei Arendt, zusätzlich auf jeden Einzelnen (vgl. ebd., S. 390, S. 391).

Nachdem die Definitionen Arendts und Jonas' nun dargestellt wurden, wird nachfolgend am eingeführten Beispiel geklärt, ob es verantwortlich sein kann, sich 'politisch problematisch' zu verhalten, um das Mädchen vor drohender Gefahr zu schützen.

Dazu wird zunächst erläutert, was unter 'politisch problematisch' zu verstehen ist. Außerdem wird geklärt, welche Art der Verantwortung die Sozialarbeiter im vorliegenden Fall haben, denn nur "wer Verantwortungen hat, kann unverantwortlich handeln" (JONAS 1984, S. 387). Dabei wird argumentativ dargestellt, welche Art der Handlung verantwortlich und daher zu bevorzugen wäre.

Da der Begriff 'politisch' auf die Gestaltung und Ordnung eines Gemeinwesens abzielt, meint er im vorliegenden Fall die demokratischen Grundideen des Staates. Die Regierung missachtet ihre eigenen, verfassungsrechtlich festgeschriebenen Regeln und gibt verbrecherische, ausbeuterische Handlungsweisen als gültig vor. Die Bevölkerung hat sich bereits an dieses Phänomen derart gewöhnt, dass es als alltäglich empfunden wird. Jeder denkt, er entscheide sich für das kleinere Übel, indem er gute Dinge mit Hilfe von Korruption zu erreichen versucht. Mit Arendt gesprochen vergessen die Menschen dabei aber, dass die Regierung das vermeintlich kleinere Übel nutzt, um die Bürger an das Übel generell zu gewöhnen, was durch die Alltäglichkeit der Korruption scheinbar gelingt (vgl. ARENDT 1989, S. 86). Unter 'politisch problematisch' wird nachfolgend deshalb die Unterstützung der Korruption und damit die Unterstützung einer verbrecherischen Regierung verstanden.

1 ARENDT, Hannah (1989): Nach Auschwitz. Essays & Kommentare 1. Herausgegeben von Eike Geisel und Klaus Bittermann. Edition Tiamat. Berlin. S. 81-97.

2 JONAS, Hans (1984): Theorie der Verantwortung. In: Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Suhrkamp Insel Verlag. Frankfurt. S. 384-393.