Einer der häufigsten Sätze, die man derzeit im Netz im Zusammenhang mit Sebastian Edathy findet, lautet: "Da kann Edathy ja richtig froh sein, dass er nur Kinderpornos runtergeladen hat und keine Musik. Sonst hätten sie ihn am Ende noch richtig drangekriegt."

Die Empörung ist groß, zumal wenn es um den Vorwurf der Kinderpornografie geht. Die Tatsache, dass das Verfahren gegen Edathy nun durch Zahlung einer Geldbuße von 5.000,- Euro eingestellt wurde, hat zu massiven Protesten geführt, die auf der einen Seite nachvollziehbar sind. Wenn ein Straftäter - zumal wenn es das Thema Pädophilie berührt - sich scheinbar freikaufen kann und der Eindruck entsteht, es gebe einen "Promi-Bonus", dann kocht die Volksseele schnell über.

Besonnene Worte sind - auf der anderen Seite - in diesen Tagen nicht nur selten, sie sind nicht erwünscht. Wer Zweifel an den Emotionen wie Wut, Hass und Vergeltungswünschen anmeldet, steht schnell als "Edathy-Versteher" da, der sich selbst irgendwie verdächtig macht. Beliebter sind da lautstarke Forderungen nach einer härteren Justiz oder gleich nach Selbstjustiz. Der Schauspieler Jan Leyk schrieb auf seiner Facebook-Seite, Edathy gehöre bespuckt und mit Steinen beworfen und sei "ein perverses, selbstverliebtes, widerwertiges, krankes und hochgradig pedophiles Drecksschwein, das in unserer Gesellschaft keinerlei Rechte mehr bekommen sollte, um mit dieser Einstellung frei herumzulaufen!" (Originalschreibweise). Er fügte später hinzu: "Ich wundere mich keineswegs mehr, dass es betroffene Menschen gibt, die in solchen Fällen Selbstjustiz verrichten!!!!"

Die Tatsache, dass Jan Leyk selbst mehrfach vorbestraft ist - unter anderem, weil er ein Mädchen beschimpft und gewürgt haben soll - stört die User nicht, das Posting von Leyk erhielt fast 250.000 Likes.

Vergleichbar sind diese beiden Fälle nicht, Edathy ist nicht Leyk, ebenso wenig wie Vergleiche zu Uli Hoeneß (Steuerhinterziehung) oder Marco Reus (Fahren ohne Führerschein) sinnvoll sind. Weil jede Sachlage individuell betrachtet werden muss.

Doch es gibt Themen, die dafür sorgen, dass die Emotionalität so sehr in den Vordergrund rückt, dass eine sachliche Betrachtung nicht mehr funktioniert.

Was Edathy vor Gericht widerfahren ist, ist - so haben unterschiedliche Juristen immer wieder betont - gängige Praxis. Ob diese Praxis gut oder schlecht ist, darüber kann man streiten, man kann auch eine Debatte darüber anstoßen, künftig anders zu verfahren. Edathy allerdings ist dafür nicht verantwortlich. Er ist auch nicht dafür verantwortlich, dass es im Verfahren eine sehr dünne Indizienlage gab und schon gar nicht ist er für den Vorschlag der Staatsanwaltschaft verantwortlich, das Verfahren zu beenden, wenn er die Vorwürfe der Anklage bestätigt.

Juristen streiten noch immer darüber, ob und wie genau Edathy sich strafbar gemacht haben könnte. Juristisch. Moralisch befindet er sich jetzt auf der untersten Stufe, und dafür ist er selbstverständlich verantwortlich. Durch seine Neigungen, die in der Öffentlichkeit massiv attackiert werden. Das ist nachvollziehbar, in dieser Form aber nicht verhältnismäßig. Edathy wird nur noch als "Schwein" oder "Monster" bezeichnet, das jedes Recht auf eine menschliche Behandlung verwirkt habe. Wohl die wenigsten kennen die Vorwürfe genau, das zeigt die Tatsache, dass er als Vergewaltiger bezeichnet wird, was er definitiv nicht ist.

Die Fehler im Fall Edathy sind weit gestreut. Sie begannen schon mit den ersten Ermittlungen und gipfelten in einem vermeintlichen "Deal", der die Massen erregt und zu Recht wütend macht. Edathy selbst hat weiter Öl ins Feuer gegossen, als er nach dem Ausgang des Verfahrens via Facebook erneut beteuerte, das Statement seines Anwalt sei ausdrücklich kein Schuldeingeständnis.

Beängstigend ist bei alledem jedoch die Aggressivität, mit der gegen Edathy vorgegangen wird. Die ist nicht neu, sie verbreitet sich immer weiter, vermeintliche Täter werden nach der ersten Berichterstattung oft vorverurteilt, die gewünschten Strafen werden immer härter, der Ruf nach der Todesstrafe oder Folter ist keine Seltenheit mehr.

Man kann darüber unterschiedlicher Meinung sein, für welche Vergehen welche Strafen angemessen sind. Man sollte jedoch grundsätzlich einen humanistischen Ansatz verfolgen, denn es ist doch klar, dass Strafen weitere Taten nicht verhindern, das war so nicht, ist so nicht und wird so nicht werden. Wegen der Geldstrafe gegen Edathy gibt es weder mehr noch weniger Pädophile, auch wenn das oft zu lesen ist in den letzten Tagen. Ein Krimineller braucht keinen Freifahrtschein, um kriminell zu werden. Er braucht eine Motivation, die kriminelle Energie.

Bild: blu-news.org -  Lizenziert unter CC BY-SA 2.0 über Wikimedia Commons