Kommentar

Ich habe entschieden, über den Germanwings-Absturz vorerst nichts mehr zu lesen. Es kommt ja eh nichts dabei raus. Als letzte "Amtshandlung" zu diesem Thema habe ich mir am 29. März 2015 Günther Jauch angesehen, der - wohl eher unfreiwillig - das Dilemma zusammenfasst hat. Jauch sagte: "Jetzt wissen wir also, was wir meinen."

Genau so ist es. Wir wissen zwar nicht genau, was passiert ist, aber das wissen wir genau. Wir überschreiten derzeit ständig die Grenze zwischen Spekulation und Wissen, und wir bemerken gar nicht mehr, was es denn nun gerade ist, was wir vor uns haben.

Die Medien - allen voran die BILD, dicht gefolgt vom Rest der Meute, die Opfer der Familienangehörigen bedrängt und ihnen die Schlafplätze rund um das Absturzgebiet wegnimmt - haben ihre Version der Geschichte bereits fertig. Der Co-Pilot hat in seinem Wahnsinnsplan des Suizids 149 Menschen bewusst mit in den Tod gerissen. Gezweifelt wird daran nicht. Weil der französische Staatsanwalt das so gesagt hat. Auch die Tatsache, dass vollständiger Name, Wohnort und Stadtteil des Co-Piloten mehrfach in den Medien ausgeschlachtet wurden, ficht die Medienleute nicht an. Üble Nachrede? Aber nicht doch, denn "Wir haben ja nicht angefangen, das war der Staatsanwalt!".

Na dann, wenn das so ist, ist ja alles in Butter. Woher die Annahme kommt, dass Staatsanwälte nicht irren oder falsch handeln können, ist nicht überliefert. Schade, wäre vielleicht auch mal ein paar Worte wert gewesen.

"Spiegel-Online" hat die Widersprüchlichkeit der Berichterstattung des A320 über den französischen Alpen eigentlich gut auf den Punkt gebracht, als er schrieb: "Noch sind viele Fragen offen: Nahm Lubitz, der an einer psychischen Erkrankung gelitten haben soll, Psychopharmaka? Hat er kurz vor seiner Entscheidung oder nachdem er den Piloten ausgesperrt hatte, Medikamente oder Drogen geschluckt? Oder war möglicherweise alles ganz anders?"

Ja, diese Frage sollte man stellen. Die danach, ob alles womöglich ganz anders war. Sie ist nicht nur legitim, sie ist wichtig. Weil sie zumindest deutlich macht, dass es zwar Indizien, aber nach wie vor keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Selbst wenn ein Suizid den Ermittlern und der Staatsanwaltschaft plausibel erscheinen, gibt es dennoch andere Ansätze, die verfolgt werden müssten. Immerhin war in den Momenten vor dem Aufprall nur die Atmung des Co-Piloten zu hören, gesagt hat er kein Wort. Liegt es da so fern, zumindest die Möglichkeit der Bewusstlosigkeit in die Überlegungen mit einzubeziehen? Offenbar ja, der Gedanke an einen ungeheuerlichen Selbstmord ist einfach besser, bringt mehr Aufmerksamkeit und heizt Spekulationen an.

Es wäre naiv, von den Medien im Internetzeitalter zu erwarten, dass sie brav warten und recherchieren, bis sie etwas publizieren. Der Druck ist groß, wer spät dran ist, hat verloren. Es geht um Nachrichten in Echtzeit. Deshalb sind Live-Ticker ja auch so beliebt, sie vermitteln uns, "ganz nah" dran zu sein am Geschehen, was besonders prickelnd ist, wenn es sich um Katastrophen handelt. Wer mit der Konkurrenz derart im zeitlichen Wettstreit liegt, muss schnell handeln, sonst tun es die anderen.

Aber bedeutet das, dass Grenzen ohne Rücksicht auf Opfer oder Angehörige überschritten werden dürfen, werden müssen? Es scheint so, und das ist pervers.

Die Öffentlichkeit mag ein Recht darauf haben, über die Hintergründe des Absturzes der A320 informiert zu werden. Aber die Opfer und die Angehörigen des Co-Piloten haben auch ein Recht darauf, von der Öffentlichkeit unbehelligt zu bleiben. Insbesondere wenn es sich bei der Berichterstattung zum großen Teil um Spekulationen handelt. Wohl nur selten in letzter Zeit haben Artikel zu einem Thema mit so vielen Fragezeichen arbeiten müssen wie jetzt. Da werden Thesen aufgestellt und Fragen formuliert, um im nächsten Moment vermeintliche Fakten zu bringen. Darin besteht der Unterschied zwischen gesicherten Erkenntnissen und übernommenen Spekulationen. Ein Kommentator der FAZ hat sich auf eine Art und Weise gerechtfertigt, die eigentlich zu einer Einsicht seinerseits hätte führen müssen. Er schrieb: "Die(se) Pflicht zur Aufklärung besteht auch dann, wenn es in den sozialen Netzwerken rumort. Aufklärung ist kein Dienst an der Mehrheit, sondern ein Dienst an der Wahrheit, selbst wenn sie manchmal unbequem oder noch nicht zu ertragen ist."

Damit hat er sogar recht. Mit Aufklärung hat das, was in den letzten Tagen durch die Medien ging, allerdings nur bruchstückhaft etwas zu tun. Auch wenn der Kommentator sich das eindrucksvoll einredet.

Bild: Daniel R. Blume, CC BY-SA 2.0