Kolumne

Deutschland ist gefühlt eine Insel. Eine Insel der Glückseligkeit. Wir glauben es inzwischen längst, wenn Merkel und ihre Gefolgschaft uns sagen, dass es uns gut ginge. Es ist schon eine starke Leistung, wenn wir mitleidig nach Südeuropa blicken und ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass die Menschen dort verzweifeln, protestieren und ihrer Wut freien Lauf lassen. Wir halten zwar mit erhobenem Zeigefinger (keinesfalls mit dem Mittelfinger!) fürs Protokoll fest, dass die Regierungen der südlichen Länder die Schuld an der Misere tragen. Das ist uns wichtig, um unser Gewissen zu beruhigen. Aber wenn die Menschen auf die Straße gehen, entwickelt sich dennoch etwas Verständnis in uns. Immerhin leiden die Menschen in Südeuropa unter den "Reformen", die Arbeitslosigkeit hat unfassbare Ausmaße angenommen, die ärztliche Versorgung ist desaströs, die Perspektive endet an einer milchigen Wand aus Sparmaßnahmen.

Wir sagen: Die Regierungen in Griechenland und den anderen südlichen Ländern sind verantwortlich für die Entwicklung, die in den letzten Jahren eskaliert ist. Kein Wunder, sagen wir, wenn die Menschen dort unten durchdrehen.

Hier, in Deutschland, auf der Insel der Glückseligkeit allerdings hat gefälligst niemand durchzudrehen. Es geht uns gut, also ist das Durchdrehen verboten, das machen nur Chaoten und Krawallmacher.

Aber ist das so?

In Deutschland kocht die Wut seit Jahren leise vor sich hin, es brodelt an allen möglichen Ecken und Enden, aber es ist still dabei. Wirklich gut geht es immer weniger Menschen, Kinder- und Altersarmut haben zugenommen und werden weiter zunehmen, das ist Verarmung mit Ansagen. Die Löhne rennen seit Jahren der Inflation hinterher, ein Rennen, das sie nicht gewinnen können. Die Zahl der Menschen, die sich kaum ihre Miete leisten können, wächst stetig an, ein bisschen Luxus holen wir uns aus dem Fernsehen oder in glitzernden Zeitschriften, die uns die Welt der Reichen näher bringen.

Aber wir bleiben ruhig, hören auf die Rauten-Botschaft, die da heißt: Deutschland geht es gut. Nur hin und wieder regt sich Widerstand. Zum Beispiel derzeit in Frankfurt.

Aber so darf Widerstand natürlich nicht sein! Nicht hier, nicht in Deutschland, wo man doch sonst das gepflegte Gespräch sucht, Unstimmigkeiten in aller Ruhe bespricht, bis man zu einer Lösung gekommen ist.

Am 18. März 2015 waren die Bilder der Medien bestimmt durch brennende Autos, zerstörte Hausfassaden und vermummte Demonstranten, die sich gewaltbereit zeigten. Sie dominierten die Berichterstattung und die eigentlichen Verbrechen der EZB, die sich - nebenbei bemerkt - ihren Neubau 1,3 Milliarden Euro (Steuergelder) hat kosten lassen, verschwanden im Hintergrund. Von Chaoten ist die Rede, von Gewalttätern, denen es nur darum geht, zu zerstören, wo immer es möglich ist. Und davon hat es auch welche gegeben, keine Frage. Aber sie sind nur ein Teil des Widerstands. Tausende Menschen haben in Frankfurt demonstriert, haben ihre Gefühle durch Sprechchöre, Trillerpfeifen und wütende Reden zum Ausdruck gebracht.

Im Nachhinein stehen die üblichen Frage im Raum: Wer hat angefangen? Wer hat provoziert? Wer hätte deeskalieren können? Naturgemäß wirft die Polizei den Demonstranten vor, an der Gewaltspirale gedreht zu haben. Die Demonstranten behaupten das Gegenteil. Aber entscheidend ist ein anderer Punkt.

Die Proteste in Frankfurt sind womöglich erst der Anfang. Denn es mag bisher relativ still in Deutschland gewesen sein. Das muss jedoch nicht so bleiben. Die Folgen der Austeritätspolitik kommen immer deutlicher zum Vorschein, die Stimmung in ganz Europa - also auch hierzulande - kippt. Weil die Menschen sehen, wie ihnen mehr und mehr genommen wird, weil die Politik die Ziele der Wirtschaft um jeden Preis durchsetzt, weil die Kluft zwischen Arm und Reich wächst.

Gewalt muss verurteilt werden, daran führt kein Weg vorbei. Ihr Entstehen aber muss betrachtet und berücksichtigt werden. Gewalt hat dazu geführt, dass Menschen in den Selbstmord getrieben werden, weil sie keinen anderen Ausweg sehen. Gewalt ist der Grund dafür, dass ganze Bevölkerungsgruppen in Europa - also auch in Deutschland - ohne jede Chance auf eine Zukunft oder Gegenwart sind. Gewalt erzeugt irgendwann Gegengewalt. So wie in Frankfurt.

Dass die Proteste gegen die europäische Politik ihre Berechtigung haben, hat übrigens Mario Draghi selbst unfreiwillig bestätigt, als er zur Eröffnung der EZB in Frankfurt sagte: "Vielleicht ist dieser Vorwurf nicht fair, weil stets dahingehend gehandelt haben, die Schockwirkungen für die Wirtschaft abzufedern."

Besser wäre es sicher gewesen, die Politik des Schocks gar nicht erst zu initiieren. Denn jeder Menschen hat seine persönliche Leidensgrenze. Zumal dann, wenn er plötzlich erkennen muss, dass er nicht auf einer Insel lebt. Und schon gar nicht auf einer der Glückseligkeit.

Foto: Simsalabimbam [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons  #Europäische Union