Der plötzliche Tod von 150 Menschen ist schrecklich, traurig, schockierend und nimmt wirklich jeden mit. Jeder Mensch zeigt eine andere Reaktion auf ein solches Geschehen. Als die Nachricht des Absturzes der Germanwings Maschine am 24. März über die Medien verbreitet wird, schlagen sich viele Menschen die Hände vor den Mund und hauchen ein betroffenes "Nein, schrecklich!" durch ihre Finger.

Deutschland ist bestürzt. Politiker lassen alles stehen und liegen, hilflos werden Beileidsbekundungen an die Angehörigen in den sozialen Netzwerken gepostet, und viele Menschen in Deutschland und der Welt halten kurz inne und sind in Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen. Man ist geschockt von der absoluten Ungerechtigkeit, von der diese Menschen getroffen wurden. Deutschland verharrt kurz in ehrlicher Trauer und Betroffenheit. Es ist nur das Luft holen.

Dann folgt nämlich etwas absolut Natürliches und doch Ekelhaftes. Die Fragerei.

Warum ist die Maschine abgestürzt? Wer war an Bord? Wieso war sie dort unterwegs? Wieso kam kein Funkspruch? Wie genau ist das Drama abgelaufen? Sind die Flugschreiber heil? Wir Menschen wollen die Informationen! Wir können uns das Unglück nicht erklären, vor dem Hintergrund der fliegenden Wundermaschine, der wir vertrauen aber die wir nicht verstehen. Häppchenweise kommen weitere Informationen zutage, und genauso werden Vermutungen zum Absturz abstruser. Wie bei einem Fußballspiel gibt es zum Unglück mittlerweile bei den großen Online-Zeitungen einen Liveticker. Jede neue Nachricht wird aufgesogen, und ins Puzzle, welches in unserem Kopf entsteht, eingebaut. Traurigkeit tritt für die Außenstehenden in den Hintergrund. Diese Reaktion ist verständlich, schließlich kannten die meisten Menschen keines der Opfer und fühlen sich nach der ersten Betroffenheit zu weiteren News, in diese Richtung, stark angezogen.

Danach kommen die Menschen, die auf dem Account des sozialen Netzwerks ihrer Wahl vermeintlich unnötige Panikmache betreiben: "OMG, ich fliege auch in 2 Monaten mit Germanwings, AAAngst" und "Mallorca, dieses Jahr vielleicht lieber mit dem Auto…". Sabrina Hoffmann von der Huffington Post Deutschland schrieb am Nachmittag des Unglückstages noch einen Artikel mit der Überschrift "Ihr seid Egoisten! An alle, die Panik vor ihrem nächste Germanwings-Flug verbreiten". Sie verurteilt darin all jene, die ihre Angst öffentlich machen und damit egoistisch keine Anteilnahme für die Opfer bekunden. Zurecht verteidigt sie die statistische Sicherheit der Flugzeuge der deutschen Airline und hält viele Posts zu bevorstehenden Flügen in die Ferne, für einfache Rufe nach Aufmerksamkeit. Mit solchen Posts digitales Feedback einzufordern ist skrupellos, doch genauso verständlich wie unsere Gier nach Informationen. Was postet man schließlich auf Facebook, Twitter und dergleichen? Dinge, die einen interessieren und im Kopf rumschwirren. Natürlich beschäftigen sich die Leute, die demnächst fliegen, mit der Frage der Sicherheit. Und es stehen sicherlich hinter vielen scheinbar witzigen "Sorgen-Posts" echte Ängste, die ihren Weg nach Außen suchen.

Als letztes in der Reihe kommen die Moralapostel. Sie haben richtig erkannt, dass niemand das Leid der Angehörigen ermessen kann und fordern wenigstens Respekt für die Opfer und deren Hinterlassene. Sie wissen rational das Risiko von Flügen einzuschätzen und würden am liebsten sämtliche Diskussionen um den Hergang des Absturzes sofort abbrechen. Sie verhalten sich richtig und kämpfen gegen den sehr menschlichen Drang nach Informationsvorsprung an. Neugier ist normal, sie darf nur nicht die einzige menschliche Regung sein.

Niemand sollte über andere urteilen bei dem Umgang und der Verarbeitung dieser Tragödie. Für eine solche Ausnahmesituation gibt es keine Knigge-Regeln, doch niemand sollte sie nutzen, um sich selbst in ein bestimmtes Licht zu rücken. Weder in das erleuchtete TrauertVerdamtnochmal!-Licht, noch in das Ich-provoziere-einfach-einen-Shitstorm-Licht. Und ja, auch dieser Artikel urteilt über viele Menschen. Optimal wäre ein Umgang ohne Verurteilung, was sehr schwierig ist.

Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer.

Foto: Drew Stefani, flickr.com.