Kommentar

Der Absturz der A320 über Frankreich hatte zur Folge, dass Live-Ticker (mal wieder) wie Pilze aus dem Boden schossen. Gleichzeitig war und ist der Informationsgehalt der meisten Nachrichten weiterhin dünn. So richtig wichtig ist das offenbar aber gar nicht, so lange man minutiös genau verfolgen kann, dass Reporter Nebel melden oder im Cockpit womöglich nur ein Pilot saß. Das sagte jedenfalls ein namentlich nicht genannter Ermittler. Und dann gibt es da noch eine anonyme Informationsquelle, die ein Gespräch vor dem Absturz über den Sprachrekorden gehört haben will. Auch die Frage, ob es einen Notruf gegeben hat oder nicht, wird mal so, mal anders beantwortet. Man stochert eben so vor sich hin.

Wir wollen nicht informiert werden, aber das doch bitte schön auf die Minute genau. Wir wollen eine fettgedruckte Uhrzeit sehen und dass dahinter etwas steht, was unsere wohlige Schockstarre befördert. Informationen spielen dabei eine untergeordnete Rolle, es geht um Emotionen, um Voyeurismus, letztlich um das Wissen, dass wir leben, dass es uns gut geht und nichts passieren kann. Das Grauen, das ist woanders.

Live-Ticker sind der Online-Seitenstreifen, von dem aus wir Blut und Verzweiflung und Tod beobachten können, ohne selbst in Gefahr zu sein und ganz ohne Sicherheitsweste. Live-Ticker sind einerseits Echtzeitberichte, andererseits machen sie Katastrophen zu einer Art Theateraufführung, deren Zeugen wir sind. Wir sind betroffen, erschüttert, wir trauern, obwohl jeden Tag Menschen sterben, aus den unterschiedlichsten Gründen, Menschen, die wir nicht kennen, mit denen wir nichts zu tun haben. Aber Live-Ticker bringen uns die Katastrophen näher, ohne dass sie uns zu nahe kommen, wir blenden anderes Leid für einen Moment aus und fokussieren uns auf das, was wir im Minutentakt mitverfolgen können, ohne wirklich ein tiefes Gefühl dafür zu entwickeln.

Egal, ob der Anschlag auf Charlie Hebdo, der Unfall von Michael Schumacher oder eben aktuell der Flugzeugabsturz in Frankreich, Live-Ticker bringen uns kaum Informationen, sie dokumentieren im wesentlichen das Nichtwissen. Allein die Tatsache, dass zunächst angeblich 67, später dann korrigiert 72 Deutsche ums Leben gekommen sind, spricht Bände darüber, dass wir in Live-Tickern vornehmlich ungeprüfte Schnippsel zu sehen bekommen, dass die Redaktionen aber unter Zeitdruck stehen, uns versorgen müssen, mit was auch immer.

Live-Ticker erhöhen nicht die Qualität einer Nachricht, sie liefern uns auch keine Details, die wichtig wären. Sie füttern uns mit Kleinigkeiten und liefern uns genügend Fragen, um selbst Antworten zu konstruieren. Zur Kreation von Verschwörungstheorien sind Live-Ticker erste Wahl. Um sich ein verlässliches Bild über einen Hergang zu machen, sind sie nahezu gänzlich ungeeignet.

Bildquelle:Karl Brullov - The Last Day of Pompeii - Google Art Project.jpg #Internet