"Tendenziös", "mangelhaft" und "einseitig": so nannte der Programmbeirat der ARD im Juni 2014 die Berichterstattung des eigenen Senders über den Krieg in der Ukraine. Anders ausgedrückt: eine der etabliertesten deutschen Medienanstalten log derart viel, dass die Beschwerden schon aus den eigenen Reihen kamen.

Es ist wohl keine allzu gewagte These, dass "die Tatsachen" eher selten nach bestem Wissen und Gewissen präsentiert und stattdessen meist nach ideologischen und finanziellen Zielvorgaben zurechtgebogen werden - egal ob im Bereich Gesundheitswesen, Finanzsystem, Energieversorgung oder in Sachen Umwelt, Bildung oder Wissenschaft.

Vor knapp einem Jahr führten die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner in der ZDF-Sendung "Die Anstalt" das Ausmaß an Fremdsteuerung und Meinungsmache im deutschen "Qualitätsjournalismus" plastisch vor Augen. Sie zeigten in einer Art Mindmap, bei welchen Lobbyorganisationen sich die maßgeblichen deutschen Alphajournalisten ihren inhaltlichen Kompass kalibrieren lassen.

Die Grenze zwischen "Datenaufbereitung" und Manipulation ist fließend. Auch werden Tatsachenverdrehung, Desinformation und Irreführung in Richtung des gewünschten Wahrnehmungs- und Meinungsbilds seltener durch platte Lügen als vielmehr durch "weiche" Methoden wie Weglassen wichtiger Themen, Details und Zusammenhänge, Aufbauschen von Nebensächlichkeiten und Eröffnung von ablenkenden Scheindebatten erzielt.

Auf Themen, die offenbar verschwiegen oder nur einseitig dargestellt werden, stößt man bei Lektüre alternativer Informationsquellen ebenso auf Schritt und Tritt wie auf drastisch abweichende Darstellungen von Ereignissen, Geschichten und Hintergründen. Eine jährlich aktualisierte Sammlung an Beispielen liefert das Project Censored der Sonoma State University in Kalifornien. Dieses Projektteam durchforstet ständig tausende von Nachrichten aus Mainstream-Medien und alternativer Presse und wertet diese aus. Anschließend werden die 25 wichtigsten vernachlässigten Begebenheiten zusammengestellt. Sie sind oft von derartiger Brisanz und Tragweite, dass man sich doch sehr wundern muss, warum sie nicht in der breiten Öffentlichkeit behandelt werden. Oder eben gerade nicht wundern ...

Hinter der Wiederauferstehung des Schlagworts Lügenpresse steckt also durchaus mehr als nur dümmliche Ressentiments von zu kurz gekommenen Kleinbürgern, wie es ja die "offizielle" Deutung sein dürfte. Laut der Sprachjury, die aus "Lügenpresse" das "Unwort des Jahres 2015" machte, diente es "auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien" - was uns wohl sagen soll, dass es auch heutzutage wieder darum ginge, "unabhängige Medien" pauschal zu diffamieren. Und ganz bestimmt lassen die heutigen geistigen Erben der Nazis ihrem Unwort auch bald Untaten folgen ...

Es scheint, als ob relevante Themen hierzulande regelmäßig ab einer gewissen Brisanz mit NS-Vergleichen "angereichert" und nach und nach in eine NS- und/oder Antisemitismusdebatte mit allseitigen Diffamierungen überführt werden. So wird im aktuellen Fall vor allem diskutiert, wie rechts oder antisemitisch der Begriff und Diejenigen, die ihn verwenden, sind. Was am wenigsten diskutiert wird, sind die Lügen der Presse.

Dennoch: trotz der berechtigten Anliegen, die durch den Begriff "Lügenpresse" transportiert werden, ist seine Verwendung deplatziert und abzulehnen. Die Formulierung kommt zu pauschal und platt daher und die "historische Belastung" lässt sich nicht einfach abstreifen. Es gibt genügend andere Formulierungen, die man benutzen kann - und sei es auch "nur" aus Gründen der pragmatischen Vernunft, wie dem, dass man die Befindlichkeit der vielen Menschen respektiert, die sich von solch einem Wort abgestoßen fühlen. Doch natürlich ist es gerade diese Empathie gegenüber anderen Sichtweisen und dem "politischen Gegner", an der es ganz besonders hapert.

Foto: blu-news.org / flickr.com #Rassismus