Manche Themen verdienen mehr Aufmerksamkeit als andere. Sowie das Stinkefingervideo des griechischen Finanzministers Varoufakis, welches durch das Team von Jan Böhmermann gefälscht oder nicht gefälscht sein soll. Der ganze Skandal hat hohe Relevanz für unsere Gesellschaft, weil es uns die Verletzlichkeit unserer Informationsversorgung durch die Medien vor Augen führt. Das Thema gilt als weitgehend "ausgelutscht", doch so etwas sollte erst nicht mehr bearbeitet werden, soweit es keinen neuen Aspekt zu bearbeiten gibt. Das "Stinkefinger-Gate" hat noch eine offene Thematik, den neuen gesellschaftlichen Stand der Satire.

Am 7. Januar 2015 fand der grausame Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris statt. Als Reaktion auf die schreckliche Ermordung von zwölf Personen verbreitete sich der Satz "Je suis Charlie" mit extrem hoher Geschwindigkeit und Breite in den sozialen Netzwerken. "Ich bin Charlie", als Zeichen der Solidarität mit den Opfern und Angehörigen der Tragödie und gegen die Einschüchterung durch islamistische Attentäter. Ein weiterer Inhalt des Satzes war die Verteidigung von Satire. Satire solle frei sein, nicht Halt machen vor Religionen, Politik, Minderheiten und allen anderen schwierigen Themen.

Günther Jauch, SpiegelOnline, die BILD und viele andere ließen sich dazu hinreißen, das Video mit Varoufakis und seinem Mittelfinger als bedeutsame Meldung zu veröffentlichen. Peinlich für all die Großen der Medienszene, als das Video im Laufe der Satire Sendung ZDF Neo Royal als Fake enttarnt wurde. Doch die Medien konnten das Video nicht abtun, sondern mussten natürlich darauf reagieren. Einige Monate zuvor hatten sich all diese Medien für freie Satire ausgesprochen, mit dem Satz "Je suis Charlie".

Jan Böhmermann forderte die deutsche Medienlandschaft und Bevölkerung heraus. Sie mussten nun ihr Bekennen zur Freiheit von Satire beweisen. Wie viel Inhalt hatte ihr "Je suis Charlie" in Bezug auf grenzwertigen Humor.

Nach dem Attentat wurden Muslime und Islamisten viel zu oft über einen Kamm geschoren. Man forderte von allen Vertretern des Islams die Akzeptanz von satirischen Karikaturen bezüglich ihrer Religion. Die Debatte verebbte allmählich, mit dem gesamtdeutschen Konsens, dass jeder Mensch über jeden lachen sollen dürfe. Und man müsse vor allem über sich selber lachen können. Auch interessant, weil Deutschland sicherlich nicht als DAS humorvollste Land der Welt bekannt ist.

Nun waren die Deutschen dran. Böhmermann zeigte eindrucksvoll wie leicht die Menschen Bildern glauben, die ihrer Denkweise entsprechen. Varoufakis traute man diese Geste mit dem Stinkefinger gegen Deutschland gerne zu, es bestätigte ein gefestigtes Vorurteil über den griechischen Politiker. Mit Böhmermanns Fake-Fake-Fake-Video verwirrte er nicht nur die deutschen TV-und Internetkonsumenten, sondern brachte vor allem die deutschen Medien in die Bredouille. Sie waren auf den Zug "Charlie" aufgesprungen und plötzlich waren sie selbst zum Opfer der Satire geworden. Peinlich und riskant.

Es lässt sich darüber spekulieren, ob das Video von Böhmermann als verantwortungslos abgestempelt worden wäre, wenn die Satire-Diskussion vor wenigen Monaten nicht gewesen wäre. Vielleicht wären Sätze gefallen, wie: "Das ist zu weit gegangen. Politik ist kein Witz". Doch damit hätten sie mittlerweile ihre eigene Glaubwürdigkeit in Frage gestellt.

Es ist etwas übrig geblieben von der Diskussion. Die deutschen Medien haben sich selbst an eine Leine gefesselt. Wenn sie nicht als völlig unglaubwürdig abgestempelt werden wollen, müssen sie weiter auf der Schiene bleiben, die sie mit "Je suis Charlie" eingeschlagen haben. Und das ist gut so, denn Satire muss frei bleiben und bitte, liebes ZDF, schreibt unter Videos dieser Art in Zukunft NICHT "Vorsicht, Satire". Satire muss nicht gekennzeichnet werden, weil so richtig frei wäre sie dann auch nicht mehr, und das will doch keiner, oder?

Foto: Steffen Kraft, flickr.com #Internet