Um das gleich klarzumachen: Eine Vermisstenanzeige aus Sorge um das Verschwinden des Volkes wird das hier nicht. Die, die sich anmaßten "das Volk" zu sein, sind aber weitgehend runter von der Straße. Der Spuk scheint vorbei. Ist er es aber wirklich? Wo sind sie, die sächsischen Angstbürger, die Retter des Abendlandes, die, die ihre Fremdenfeindlichkeit skandieren - ohne Fremdenberührung gehabt zu haben? Wo sind die "Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes" geblieben?

So plötzlich sie auftauchten und in immer größer werdender Zahl über Wochen durch Dresden liefen, so plötzlich waren sie auch wieder zu Hause. Die Selbstzerlegung ihrer Organisatorentruppe bedeutete auch gleichzeitig das Aus des Volkslaufes durch die Straßen Dresdens. Mit den kleinen Nebentrüppchen in anderen Städten geschah es nicht anders. Wie tot ist Pegida? War da überhaupt was?

Ja, da war nicht nur was, da ist noch immer was. Sie sind nicht weg, sie sind nur woanders. Sie sind wieder und immer noch dort, wo sie eigentlich immer waren. Unter uns. Hier wurden sie zu Pegidaisten sozialisiert. Hier wurden sie gemacht. Und wenn sie nicht gestorben sind, bis zur nächsten Wahl, dann werden sie doch auch mal wählen gehen. Sie werden AfD wählen. Sie werden diese, immer mehr als rechtspopulistische neue Kraft kenntlich werdende, Partei wählen. Die, die ihre "Sorgen" verstehen und aufgenommen haben. Wir sind sie also nicht losgeworden, wir werden sie künftig in unseren Parlamenten ertragen müssen.

Das Phänomen Pegida ist tatsächlich mehr als nur großmäulige Anführer und das Skandieren dummer, hetzerischer Parolen. Pegida ist die Reaktion derer, die Angst haben, einen einigermaßen akzeptablen sozialen Status zu verlieren. Ist die Reaktion derer, die ihr Unbehagen über eine, sich (vermeintlich) über sie hinwegsetzende Politik äußern. Pegida ist die Ansammlung derer, die nicht gelernt haben mit Politik analytisch und mit entsprechenden politischen Hebeln zu agieren. Pegida findet sein Ventil des diffusen Unbehagens im Suchen und Finden von Feindbildern bei Schwächeren. Der angebliche Ruf nach mehr Beteiligung, gefragt zu werden, ist die Unfähigkeit und Nichtbereitschaft auf politische Prozesse zu setzen. Es ist ein grundsätzliches Unverständnis zur Demokratie an sich. Die Pegidaisten wollen und suchen Führung in ihrem Sinne. Ihr Sinn ist nationalistisch, rassistisch und antidemokratisch. Pegida ist auch nicht urplötzlich vom Himmel gefallen. Pegida ist die Fortsetzung einer seit vielen Jahren in Deutschland und Europa festzustellenden revanchistischen Strömung. In Deutschland sind Vorgänger und Vorbilder in kleinere Gruppen wie der "pro- (-Köln, -NRW, -Deutschland) -Bewegungen zu schon seit Jahren unterwegs.

Die unreflektierte Politik- und Gesellschaftspolitik, das Negieren von tatsächlichen Ursachen dafür, dass wir eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich und den damit zusammenhängenden Problemen erleben, ist unappetitliches Merkmal dieses "Protests". Die Reaktionen der etablierten Politik auf das Phänomen sind unterschiedlich und letztlich alles andere als adäquat. Wenn sich Merkel tatsächlich zu klarer Abgrenzung bekennt, will ihr Vizekanzler und SPD-Vorsitzende uns allen - und denen von Pegida insbesondere - das Recht auf rechte Gesinnung zugestehen. Der Linke Gysi will "reden". Genauer: abchecken, inwieweit dort Wählerpotenzial abzuschöpfen sei.

Wir sind Pegida nicht los geworden. Warum auch. Und wie denn auch. So lange deutsche und europäische Politik immer deutlicher dadurch bestimmt ist, sich vor allem als Erfüllungsorgane lobbyistischer Finanzmarktinteressen zu gerieren und damit einhergehende soziale Ungerechtigkeiten zu verstärken, solange wird es auch solche Bewegungen geben. Sie werden sich nicht abschwächen. Siehe Frankreich, England, Ungarn - und mit der Afd nun auch hier. Politisch gibt es nur eine adäquate Antwort: Gute Politik zu machen. Politik für die Menschen, Politik für das Gemeinwohl innerhalb der Gesellschaften, deren Bürger zu schützen und für gerechten Ausgleich von Interessen zu sorgen. #Wahlen #Rassismus