Jens Berger ist diplomierter Volkswirt, freier Journalist und einer der bekanntesten Politblogger im deutschsprachigen Raum.

BN: Herr Berger, Wolfgang Schäuble hat vor kurzem noch angedeutet, dass ein "Grexit" für ihn denkbar wäre. Jetzt scheint er zurück zu rudern. Wie erklären sie sich den Sinneswandel?

JB: Ich habe von einem Kollegen erfahren, dass Wolfgang Schäuble, der ja von Haus aus Jurist ist, sich in letzter Zeit auffallend häufig mit volkswirtschaftlichen Themen beschäftigt haben soll. Er soll sogar auf dem Rücksitz seines Dienstwagens bei der Lektüre eines Buchs von Heiner Flassbeck gesehen worden sein. Ob das wirklich stimmt, kann ich natürlich nicht sagen. Aber das wäre eine mögliche Erklärung für seinen Sinneswandel.

BN: Was für Folgen hätte der "Grexit" eigentlich?

JB: Griechenland würde eine neue Währung einführen, die erst mal massiv abwertet. Damit würden die Griechen noch einmal rund 30% an Kaufkraft verlieren und könnten natürlich ihre Schulden gar nicht mehr zurückzahlen. Deutschland und die anderen Gläubiger müssten ihre Forderungen also abschreiben.

BN: Schäuble sagt in dem abgehörten Telefonat, dass wir unsere Exporte am laufen halten müssen. Trotzdem räumt er ein, dass die Austeritätspolitik offenbar nicht funktioniere. Wie passt das zusammen?

JB: Perfekt. Wer seine Ausgaben kürzt, kauft halt weniger Produkte und importiert damit auch weniger Güter. Aber das hilft alles nichts, wenn wir weiterhin auf Exportüberschüsse gieren. Solange wir permanent mehr exportieren als wir importieren, bauen wir stetig mehr Forderungen auf. Und sobald eine Krise kommt, platzen diese Forderungen. Solange dies nur die Forderungen des Staates betrifft, scheint dies die Banken und die Realwirtschaft nicht sonderlich zu stören.

BN: Auch die seit Wochen diskutierten Reparationszahlungen sind noch nicht vom Tisch. Im Gegenteil, Schäuble stellt Zahlungen in Aussicht, wenngleich er wohl nachverhandeln will. Rechnen sie mit einer Einigung in dieser Sache?

JB: Ja, aber nicht bei den Reparationszahlungen, sondern beim Zwangskredit. Da sieht nämlich Deutschlands Position eher schlecht aus und es wäre peinlich, wenn dieser Fall vor die internationalen Gerichte geht. Diese Schande will Deutschland sich ersparen, darum ist man sicher einem Kompromiss nicht abgeneigt.

BN: Der Finanzminister sagte, ein "Grexit" würde die Banken zu hart treffen. Sehen Sie das auch so?

JB: Vielleicht sollte Herr Schäuble auch mal die NachDenkSeiten lesen. Ein Grexit wäre den Banken eigentlich ziemlich egal, da die Forderungen eh schon längst an die Staaten weitergereicht wurden. Und für die zu erwartenden Forderungsausfälle gegenüber dem griechischen Privatsektor wird die EZB schon ein Wundermittel finden. Mario Draghi ist da ja recht kreativ. Da muss sich Wolfgang Schäuble also keine Sorgen machen. #Europäische Union