Im Dezember letzten Jahres veröffentlichte das englischsprachige Rolling Stone Magazine die Geschichte einer anonymen Quelle, die "Jackie" genannt wurde. Sie behauptete auf der Party einer Studentenverbindung am Campus der University of Virginia von mehreren Kommilitonen in einen Raum geführt und über den Zeitraum von mehreren Stunden vergewaltigt worden zu sein. Ihre Beschreibungen wirkten auf den ersten Blick überzeugend, detailreich und vor allem erschütternd. Nach beinahe vier Monaten wird der Artikel zurückgezogen und Rolling Stone entschuldigt sich - was ist da passiert?

Mit dem Ziel die sogenannte "rape culture" am amerikanischen Universitätscampus zu untersuchen, setzte sich die Journalistin Sabrina Erdely im Juli 2014 mit einer Mitarbeiterin der Universität Virginia, deren Fokus auf der Betreuung von Opfern sexueller Gewalt liegt, in Verbindung. Diese nannte ihr den Namen einer Kollegin, die womöglich bereit wäre ihre Geschichte zu teilen. Diese Kollegin ist nun unter ihrem Decknamen "Jackie" zu zweifelhaftem Ruhm gekommen. Über mehrere Interviews hinweg erzählte "Jackie" die Vorkommnisse mehrmals, weigerte sich jedoch vorerst den Namen des "Haupttäters" zu nennen. Als sie es schließlich doch tat, war sie sich, trotz der mehrmaligen Betonung ihrer großen Angst vor ihm, nicht mehr sicher, wie er genau hieß oder wie man seinen Namen schreibt.

Nach Erscheinen des Artikels geht die Washington Post den Vorwürfen nach und interviewt zwei Freundinnen von "Jackie". Diese geben an, "Jackie" nach der vermeintlichen Vergewaltigung gesehen zu haben, sie sei zwar verstört gewesen, habe aber entgegen ihres Statements weder geblutet noch sichtbare Verletzungen gehabt. Schließlich beginnt die Journalistin Erdely nach der Publikation des Artikels der Washington Post selbst weitere Nachforschungen anzustellen und es tauchen weitere gravierende Ungereimtheiten auf. Zum Beispiel kann nicht bestätigt werden, dass der Student - wie "Jackie" behauptet hat - ein Rettungsschwimmer ist, oder dass er Mitglied der von ihr genannten Studentenverbindung ist. Auch ist fraglich, ob er überhaupt auf der Party anwesend war, oder jemals Kontakt mit "Jackie" hatte.

Dass Erdely niemanden außer "Jackie" interviewte, dass sie keinen, der von "Jackie" Beschuldigten um eine Stellungnahme bat, dass sie nicht misstrauisch wurde als "Jackie" sich mehrmals über längere Zeiträume nicht meldete - all das waren Alarmzeichen, die Erdely ignorierte. Ihre Absicht das Bewusstsein für sexuelle Gewalt an amerikanischen Universitäten zu schärfen, mag ja den besten Vorsätzen gefolgt sein, den Richtlinien für verantwortungsvollen Journalismus hat sie damit jedoch nicht entsprochen.

Im März 2014 hat die zuständige Polizei-Behörde von Charlottesville, Virginia die Ermittlungen eingestellt, da es "keine substanzielle Basis" für die, im Rolling Stone veröffentlichten Anschuldigungen gibt. Der Artikel mag nicht mehr online verfügbar zu sein, doch seine Nachwirkungen für alle folgenden Artikel, in denen Opfer sexueller Gewalt von ihren Übergriffen berichten, sind noch nicht absehbar.