Mit Spannung wurde erwartet, auf welche Weise sich Papst Franziskus während einer Messe zum Andenken der Opfer der - von Armeniern als "Aghet" (Armenisch für: "die Katastrophe") bezeichneten - Vertreibung und Ermordung, von bis zu 1.5 Millionen Menschen durch den türkischen Staat äußern wird. Im Zuge seiner Predigt, in der er auch die Gräuel des Nazi-Regimes und die Massenverfolgungen und Ermordungen durch die Sowjet-Union anprangerte, bezeichnete der Papst die Verbrechen gegen das armenische Volk als "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" und zitierte damit eine öffentliche Erklärung seines Vorgängers, den 2005 verstorbenen früheren Papst, Johannes Paul II. Anwesend waren während der Predigt, neben unzähligen anderen geistlichen und weltlichen Würdenträgern, auch der höchste Vertreter der armenischen Christen, der Patriarch Nerses Bedros XIX. und der amtierende Präsident Armeniens, Serzh Sarksyan.

Bereits 2006, als der derzeitige Papst Franziskus, mit bürgerlichem Namen als Jorge Mario Bergoglio bekannt, noch Erzbischof von Buenos Aires war, forderte er die türkische Regierung öffentlich auf, "das größte jemals von der ottomanischen Türkei begangene Verbrechen gegen das armenische Volk und die Menschheit insgesamt" anzuerkennen. Daraufhin beschwerte sich die Türkei offiziell beim Vatikan und zitierte den damaligen Apostolischen Nuntius (den Botschafter des Heilgen Stuhls) für ein Gespräch in das Außenministerium nach Ankara.

Auch 2013, nachdem der Mitschnitt einer Konversation zwischen dem, sich damals erst seit 3 Monaten im Amt befindlichen Papst Franziskus und den Nachfahren von Opfern des Genozids an die Öffentlichkeit gelangte, legte die türkische Regierung eine offizielle Beschwerde ein. Grund dafür war die Aussage des Papsts während des aufgezeichneten Gesprächs, dass das Verbrechen an den Armeniern, der "erste Genozid im 20. Jahrhundert" und ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit war.

Auch dieses Mal wurde der offizielle diplomatische Vertreter des Vatikans prompt in das türkische Außenministerium beordert und es wurde, von Seiten der Regierung öffentlich erklärt, dass derartige Aussagen "absolut inakzeptabel" seien. Ebenso wurden direkte Warnungen in Richtung der Katholischen Kirche und an den Papst ausgesprochen. So erklärte das türkische Außenministerium, dass es strengstens davon abrät, "Schritte vorzunehmen, die irreparable Konsequenzen für [...] [die] [...] Beziehungen haben könnten." Außerdem wurde verlautbart, dass vom Papst erwartet werden würde, dass er zum weltweiten Frieden und zur Verständigung beiträgt, anstatt Konflikte über, in der Vergangenheit liegende Ereignisse heraufzubeschwören.

Der Völkermord an den Armeniern, der sowohl von der UN-Menschenrechtskommission, dem Europäischen Parlament, als auch von etwa 22 Staaten weltweit als Genozid anerkannt wird, fand im Zeitraum von 1915 und 1916 statt und soll insgesamt zwischen 300.000 und bis zu 1.5 Millionen Menschen das Leben gekostet haben. Neben Enteignungen, Vetreibungen und außergerichtlichen Festnahmen, soll es auch zu unzähligen Vergewaltigungen und Massenermordungen gekommen sein. Ein großer Teil der Opfer soll auf tage- oder wochenlangen "Todesmärschen" verdurstet, verhungert und zu Tode gehetzt worden sein.

Hintergrund der systematischen Vetreibungs- und Tötungsmaßnahmen waren die, zum Teil seit langem bestehenden Spannungen zwischen den verschieden ethnischen Gruppen des damaligen Osmanischen Reichs, welches von den, mehrheitlich muslimischen Türken, die sowohl wirtschaftlich, rechtlich und sozial privilegiert waren, regiert wurde. Besonders die Spannungen zwischen der Minderheit der Kurden und den Armeniern, welche beide - aufgrund ihrer Stellung als "anerkannte osmanische Nationen" (sozusagen anerkannte ethnische Volksgruppen) - zwar ein gewisses Maß an Autonomie genossen, aber auch horrende "Kopfsteuern" an den türkischen Staat abtreten mussten, verschärften die insgesamt schwierige innenpolitische Situation.

Hinzu kam 1914 auch der Eintritt des Osmanischen Reichs in den Ersten Weltkrieg, wobei sich die damalige Regierung vor allem Gebietsgewinne bzw. "Rück-Gewinne" (durch in früheren Kriegen an Russland verlorene Territorien) im Kaukasus erhoffte. Da ein Teil der Armenier sich im Krieg auf die Seite Russlands schlug - was wahrscheinlich auf Unabhängigkeitsbestrebungen einer Minderheit des armenischen Volks zurückzuführen war - wurden so gut wie alle Armenier im Osmanischen Reich des Hinterhalts und Staatsverrats verdächtigt. Dies führte, bereits vor den eigentlichen, systematischen Aktionen durch die Regierung gegen die Armenier zu einem Anstieg anti-armenischer Übergriffe, welche zum Teil auch von der lokalen, türkisch-muslimischen Bevölkerung begangen wurden.

Obwohl unzählige Historiker und Wissenschafter, Diplomaten und hochrangige Regierungsvertreter verschiedenster Länder, sowie Vertreter der Vereinten Nationen die offizielle Türkei bereits seit Jahren dazu auffordern, den Genozid am armenischen Volk anzuerkennen, bestreiten nacheinanderfolgende türkische Regierungen nach wie vor, dass es je zu einem Völkermord gekommen ist.

Quellen:

ORF (Österreichischer Rundfunk) - Papst: Vertreibung von Armeniern war Völkermord.

DW (Deutsche Welle) - Der Völkermord an den Armeniern (DW-Dossier).