Sigmar Gabriel spielt den Helden des kleinen Mannes. Der wiederum ärgert sich inzwischen mächtig über den Bahnstreik. Er kommt zu spät zur Arbeit, er kommt zu spät nach Hause, und wenn es ganz dumm läuft, kommt er gar nicht von A nach B. Das nervt. Und Gabriel hat dafür natürlich vollstes Verständnis: "Der Tarifstreit bei der Bahn ist für Außenstehende kaum noch nachzuvollziehen", sagte der Vizekanzler und verschwieg dabei, dass er selbst zu dem gebeutelten Kreis der "Außenstehenden" wahrlich nicht gehört. Im Gegenteil, Gabriel und der Rest der Bundesregierung schüren nicht nur die aufgeheizte Stimmung an, die sich vornehmlich gegen GdL-Mann Claus Weselsky und die Seinen richtet. Er ist im Regierungskollektiv maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Streik nicht endet. Weil er mit seiner Ankündigung zum Gesetz zur Tarifeinheit bewusst Öl ins Feuer gegossen hat und die Bahn nun auf Zeit spielt.


Lange muss die Bahn nicht mehr durchhalten, bis sich das Problem mit dieser aufdringlichen GdL von alleine erledigt, zumindest vorerst, denn mit anschließenden Klagen ist zu rechnen. Schon im Juli 2015 könnte es zum von der Bundesregierung angekündigten Gesetz zur Tarifeinheit kommen. Darauf lauert die Bahn, denn von diesem Zeitpunkt an wäre die GdL praktisch lahm gelegt. Als der Konflikt zwischen Bahn und GdL längst an einem brisanten Punkt angekommen war, stellte die Bundesregierung ein Gesetz in Aussicht, das für die Bahn wie eine Weihnachtsbescherung gewirkt haben dürfte. Das ist weit mehr als der Versuch, ein bisschen zu zündeln, es ist im übertragenen Sinne Brandstiftung. Und zwar aus ganz egoistischen Motiven, gehört die Bahn doch zu 100 Prozent dem Bund.

Auch wenn es Bundesregierung, Bahn und viele Medien gern anders darstellen: Für den scheinbar nicht enden wollenden Streik sind weder die Mitarbeiter der Bahn noch deren Gewerkschaft verantwortlich. Es ist die Bahn, die fast alle Forderungen der GdL geflissentlich ignoriert. Und es ist die Bundesregierung, die nicht etwa vermittelnd auftritt, sondern bewusst zur Eskalation beiträgt.

Man muss sich das einmal vorstellen: Die Bahn nennt es Verhandlungen, wenn sie Angebote macht, die diesen Namen nicht einmal ansatzweise verdienen. Bundesregierung und Medien erwarten von der GdL, dass sie sich mit diesem Nichts zufrieden gibt, womit der ganze Arbeitskampf für die Katz' gewesen wäre. Und nebenbei wird das Feuer geschürt, das nach und nach als undurchdringliche Wand von Bahn, Medien und Bundesregierung gelegt wurde. Die Kunden der Bahn sind verärgert,völlig zu Recht. Aber sie täten gut daran, sich Gedanken darüber zu machen, wer hier der Bösewicht ist. Es mag irgendwann geglaubt werden, wenn man etwas ständig wiederholt. Wahr wird es dadurch aber nicht.

Und Sigmar Gabriel? Sein Lamentieren ist so geheuchelt wie die Tritte eines Schlägers, der seinem Opfer "Sorry, ist nicht persönlich" zuflüstert, während er ihn gleichzeitig mit seinen Stiefeln malträtiert.


Bild: Arne Müseler, "Sigmar Gabriel 2012 Politischer Aschermittwoch SPD Vilshofen 13" by Arne Müseler / www.arne-mueseler.de. Licensed under CC BY-SA 3.0 de #Wolfs Wort