23.000 Mal schlugen die Kirchenglocken im Erzbistum Köln gestern Nacht. Dabei wollte das Bistum unter Leitung von Kardinal Woelki, die seit dem Jahr 2000 im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge ehren. Woelki sagte der ARD: "Man darf diese Menschen nicht vergessen." Die Schätzungen gehen von rund 23.000 Toten seit Anfang 2000 aus, daher kam die Zahl für die Glockenschläge. Diese waren auf 230 Kirchen im ganzen Bistum verteilt. So schlug jede Kirche ungefähr einhundert Mal. Für jeden toten Flüchtling ein Glockenschlag, ein kraftvolles Zeichen. Daneben, erklärte Kardinal Woelki dem ARD Morgenmagazin, habe das Erzbistum Köln bereits 12 Millionen Euro für Flüchtlingshilfe gespendet und beteilige sich rege an Programmen, die die Integration von Flüchtlingen erleichtern sollen.

Flüchtlinge in Deutschland bestattet

Eine Künstlergruppe namens "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) hatte diese Woche bereits mit einer weitaus streitbareren Aktion auf das Flüchtlingsleid aufmerksam gemacht. Bereits am Montag hatte das ZPS die Aktion unter dem Namen "die Toten kommen" angekündigt. Sie ließen ihren Worten Taten folgen. Die Aktionskünstlergruppe um den Gründer Phillip Ruch ließ Leichen von Flüchtlingen in Italien exhumieren. Die am Festland ankommenden, oder im Mittelmeer geborgenen Toten werden ohne großen Aufwand und Identifizierung in Massengräbern in Italien bestattet. Das Zentrum für politische Schönheit machte Angehörige einiger Toten ausfindig und sorgte für eine Bestattung in Deutschland. Die erste fand am Dienstag medienwirksam auf einem muslimischen Friedhof statt. Der Imam, der die Bestattung vornahm, sagte dabei: "Wir sind gekommen, um diese Menschen mit Würde zu beerdigen. Das ist das Mindeste, was wir ihnen anbieten können. Das andere - dass sie am Leben bleiben - konnten wir ihnen nicht anbieten."
Ranghohe Politiker waren zu der Beisetzung eingeladen worden, blieben jedoch fern. Auch die leeren Sitze am Rande des Grabs hatten eine kraftvolle Aussage.

CDU ist "gottlos, unchristlich und hinterhältig"

Das Zentrum für politische Schönheit wollte damit das Leid der Flüchtlinge, das an der italienischen Küste allgegenwärtig ist, auch nach Deutschland bringen. So wollen sie Druck auf die deutschen Politiker ausüben und kritisierten dabei einige scharf: "Man sollte nicht vergessen, dass die größte deutsche Partei den Namen "christlich" im Titel trägt und dass deren gottlose, unchristliche und menschenverachtende Hinterhältigkeit größer ist, als wir es je für möglich gehalten hätten.", ließ das ZPS am heutigen Samstag in einer Stellungnahme verlauten.

Große Demo am Sonntag in Berlin

Am Sonntag plant Phillip Ruch den "Marsch der Entschlossenen". Dafür laden die Künstler alle Menschen nach Berlin ein, um an einer Demonstration für die Rechte von Flüchtlingen teilzunehmen. An deren Ende soll sogar der Vorplatz des Kanzleramts "umgestaltet werden", wie es der Künstler nennt. In einer Animation zeigte das ZPS, wie sie sich das vorstellen. Hunderte weißer Grabsteine wollen sie installieren. Doch Berliner Politiker gaben bereits bekannt, dass sie es nicht dazu kommen lassen werden. Für die große Demo am Sonntag hat das ZPS auch eine eigene Mitfahrzentrale eingerichtet. Diese ist über die-entschlossenen-kommen.de zu erreichen.

Kritik von allen Seiten - Unterstützung von allen Seiten

Das ZPS kann sich bei seinen Aktionen auf breite Zustimmung stützen. Allerdings verloren sie auch einige Mitstreiter auf dem Weg, wie sie selbst bekannt gaben. Das hat sicherlich auch damit zu tun, wie drastisch die Aktionen sind. Bereits zuvor hat das ZPS mit streitbaren Aktionen auf das Leid von Flüchtlingen aufmerksam gemacht. Doch egal, wie streitbar oder makaber diese Aktionen sind, sie haben einen wahren Kern. Den Menschen, die nach Europa streben, ergeht es auf der tödlichen Route über das Mittelmeer schrecklich. 23.000 Menschen innerhalb von 15 Jahren nimmt die #Europäische Union als eine Art makabren "Kollateralschaden" in Kauf, um andere Menschen von dem Versuch abzuschrecken. Ein solches Verhalten gegenüber Europäern wäre unter keinen Umständen vorstellbar. Von dem Vorwurf der Doppelmoral können sich die deutschen Politiker leider nicht freisprechen, und genau dort setzt das Zentrum für politische Schönheit an.

Quelle: Zentrum für politische Schönheit, ARD Morgenmagazin, Pro Asyl

Bild: Jakob Huber/Campact - Lizenz: CC BY-SA 2.0