Lindhoff: Herr Chykulay, im Jahr 2009 haben Sie die personellen und strukturellen Relikte des sowjetischen Geheimdienstes KGB in der #Ukraine erforscht. Was haben Sie dabei ans Tageslicht bringen können?

Chykulay: Zwar liegen meine Untersuchungen schon sechs Jahre zurück, doch sind die Namen der entscheidenden Personen und Gruppierungen heute noch die gleichen wie damals. Sie sind auch heute noch an der Macht. Doch es geht nicht allein um den KGB. Meine Recherchen waren wichtig, um den Bürgern zu zeigen, dass sie auch weiterhin in der Sowjetunion leben – in einer verdeckten Form der Sowjetunion. Die ukrainischen Bürger leben auch heute noch in einer Sowjet-Ukraine.

Lindhoff: Gehen Sie konform mit der Behauptung, dass sich die Überbleibsel des KGB die Ukraine und ihre Herrschaftsinfrastruktur unter sich aufgeteilt haben?

Chykulay: Selbstverständlich. Bis zum heutigen Tage wird jeder Lebensbereich kontrolliert von den VIPs aus der Kommunistischen Partei und ihren Gefolgsleuten und Befehlsempfängern. Es ist eine kriminelles Netzwerk, erschaffen durch die totalitäre Diktatur, das seit dem offiziellen Fall des Kommunismus‘ die Geschicke des Landes führt und die Nation repräsentiert. Jeglicher bürgerlicher Fortschritt wurde von ihm bis dato im Keim erstickt. Die Ukraine ist aufgeteilt in eine Zivilgesellschaft und ein Kontrollsystem der sozialistischen Besitzstandsbewahrer. Der Aufstand auf dem Maidan war das Symbol der Konfrontation zwischen diesen beiden Welten.

Lindhoff: Welche Rolle haben die Vertreter des alten Sowjet-Kommunismus in den Monaten vor dem Maidan-Aufstand und den Sezessionsbewegungen im Donbass und auf der Krim gespielt? Haben sie die Konflikte angeheizt oder gar provoziert?

Chykulay: Die alten Eliten haben eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Dabei ist allerdings zwischen der russischen und der ukrainischen Fraktion innerhalb der Alt-Sowjets zu unterscheiden. Die ukrainische Sowjet-Gang ist darauf bedacht, ihre Karrieren im Staat zu sichern und fortzuführen. Sie wollen die Macht und den neuen Reichtum auch in Zukunft genießen und an ihre Kinder weitergeben. Auf der anderen Seite denken die russischen Sowjet-Gangster, sie bildeten weiterhin das Zentrum des Universums.

Beide konkurrieren seit einigen Jahren schon um die Herrschaft über die Ukraine. Die alten ukrainischen Kader haben den offenen Ausbruch des Konflikts zumindest geduldet, wenn nicht sogar aktiv gefördert. Auf russischer Seite wurde ganz einfach das altbekannte Spiel der verdeckten Invasion durch Spezialeinheiten vorgetragen. Beide Zahnräder griffen dabei sehr gut ineinander.

Ich verorte den wahren Beginn des Konflikts allerdings recht weit in der Vergangenheit. Beide Seiten hatten ihren Anteil an der Ermordung des ukrainischen Dissidenten Wjatscheslaw Tschornowil im März 1999. Seit vielen Jahren schon schaffen sie gemeinsam und gegeneinander zahlreiche scheinoppositionelle Bewegungen. Sabotageakte und Propaganda gehören zum Handwerkszeug beider Seiten. Der Donbass ist wie die Krim nur ein untergeordnetes Projekt. Die große Idee ist weiterhin die Etablierung einer neuen sowjetischen Union. Russische und ukrainische Kommunisten kämpfen gemeinsam für dieses Ziel. Doch gleichzeitig konkurrieren sie um die Frage, wer in einem neuen ukrainischen Satellitenstaat das Sagen haben soll.

Lindhoff: Wie ist es um die westlichen Staaten bestellt? Unterstützen die EU und USA die ukrainische Gang, die sie beschrieben haben, ganz bewusst? Kennen europäische und amerikanische Regierungsvertreter die Gegebenheiten und Pläne, die Sie hier beschrieben haben?

Chykulay: Es mag sich seltsam anhören, doch ich glaube, dass der Westen den ukrainischen Bürgern helfen möchte und zu diesem Zweck die ukrainische Sowjet-Bande unterstützen muss. Denn aus dieser Bande rekrutieren sich die aktuellen offiziellen Vertreter des Landes. Ich denke, der Westen weiß relativ gut Bescheid über die wahren Hintergründe.

Weitere Informationen zum Ukraine-Konflikt finden Sie hier und hier. #Wladimir Putin