Es war der späte Nachmittag des 9. November 1989. In der Ostberliner Mohrenstraße 37/38 befand sich das IPZ ("Internationale Pressezentrum") der DDR. Die Pressekonferenz wurde live übertragen im DDR-#Fernsehen. Eigentlich wollte die SED-Führung auf der Konferenz neue Gesetze ankündigen, um die anhaltende Massenflucht und die Proteste seiner Bürger einzudämmen.

Nebenbei Mauer geöffnet

Doch dann passierte etwas eher aus Versehen: Geradezu beiläufig gab der damalige Regierungsvertreter Günter Schabowski vor den internationalen Journalisten eine neue Reiseregelung bekannt: "Privatreisen ins Ausland können ohne Vorliegen bestimmter Voraussetzungen beantragt werden können." Der Journalist Peter Brinkmann fragte nach, ab wann das gelte. Schabowski: "Das tritt nach meiner Kenntnis... (Pause)... ist das sofort!" In dieser Nacht fiel zumindest symbolisch die Mauer, denn an einigen Grenzübergängen wurden die DDR-Grenzsoldaten von dieser Regelung noch gar nicht in Kenntnis gesetzt. Trotzdem gelang vielen DDR-Bürgern der Besuch in den Westen. Seit diesem Tag gilt Günter Schabowski als der Mann, der die Mauer öffnete.

Nun ist Günter Schabowski im Alter von 86 Jahren in einem Berliner Pflegeheim, am Morgen des 1. November 2015, nach langer schwerer Krankheit verstorben. Seine Witwe Irina Schabowski bestätigte dies der Deutschen Presseagentur.

Werdegang eines treuen DDR-Politikers

Schabowski hatte seine Karriere zunächst als Journalist begonnen. Im Alter von 23 Jahren trat er im Jahre 1952 der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschland) in der DDR bei. 1978 wurde Schabowski Chefredakteur der durch und durch treuen Parteizeitung "Neues Deutschland". 1984 gelang ihm der Karriere-Höhepunkt: Er wurde Vollmitglied im Politbüro, das war das höchste Führungsgremium der SED-Partei.

1990 wurde Günter Schabowski aus der SED-Nachfolgepartei PDS (heute: Die Linke) ausgeschlossen. Was Schabowski allerdings trotz seiner Vergangenheit Respekt zollt: Im Gegensatz zu vielen anderen DDR-Politiker, bekannte er sich nach dem Mauerfall zur Mitverantwortung und moralischer Schuld an dem System in der DDR. 

Günter Schabowski und seine Haftstrafe

Das Berliner Landgericht Tiergarten verurteilte Schabowski 1997 für das menschenverachtende DDR-Regime zu drei Jahren Haft wegen Totschlags. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil bestätigt, es wurde damit vollstreckbar und rechtskräftig. Schabowski musste seine Haftstrafe im offenen Vollzug von Berlin antreten. Er wurde allerdings im September 2000 vom damaligen Berliner Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) begnadigt. Sein Schuldbekenntnis und die Hilfe bei der Aufklärung überzeugten wohl auch Diepgen und ließen Gnade walten. Schabowski wurde damit nach weniger als einem Jahr aus dem offenen Vollzug in Berlin Hakenfelde entlassen.

In guter Erinnerung

Schabowski hinterlässt neben seiner Frau noch zwei Söhne. Vielen ehemaligen DDR-Bürgern wird Günter Schabowski vor allem als der Mann in eher guter Erinnerungen bleiben, der ihnen die Freiheit zurück gab. Dabei darf bei allem Respekt nicht verschwiegen werden, dass auch Schabowski ein wichtiger Teil in einem System war, was Menschen unterdrückte und bei Fluchtversuchen erschossen hat.

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