Bücher über den Nationalsozialismus gibt es wie Sand am Meer: Die einen fokussieren sich auf die Militärhistorie, die anderen auf die den Aufstieg und den Fall des Dritten Reiches, manche greifen einzelne Themen wie den Holocaust heraus und betrachten sie näher. Viele lesen sich gleich und verbreiten nur längst Bekanntes unter neuem Namen. "Die Frauen der Nazis" von der österreichischen Historikerin Anna Maria Sigmund liest sich hingegen völlig anders: Das #Buch ist wohl eines der lesenswertesten auf dem Markt und untersucht die NS-Zeit aus einem völlig neuen Blickwinkel - dem der damaligen weiblichen Elite in Staat und Gesellschaft.

Überraschendes auf jeder Seite des Buches

Wenig ist den meisten über das Privatleben der Nationalsozialisten bekannt: Hitler war mit Eva Braun verheiratet, das war es meist. Sigmund legt genau auf dieses Feld ihr Schlaglicht und untersucht sehr präzise die Biographien der obersten NS-Frauen und ihren Einfluss auf ihre mächtigen Männer und deren Ideologie. Carin und Emmy Göring, Geli Raubal, Henriette von Schirach, Magda Goebbels, Leni Riefenstahl, Gertrud Scholtz-Klink und natürlich Eva Braun werden auf diese Art und Weise in separaten Kapiteln unter die Lupe genommen. Sigmund geht es dabei keineswegs um Effekthascherei – überzeugend entkräftet und belegt sie die jeweiligen Gerüchte, die zu den Personen kursieren. Die Akribie ihrer Recherchen sucht dabei seinesgleichen. Keine Seite vergeht ohne Aha-Effekt; jede Seite enthält Details über die Frauen und ihre Männer, die dem Leser mit größter Wahrscheinlichkeit bisher nicht bekannt waren und teilweise das Gesamtbild auf den Nationalsozialismus massiv verändern.

Ein ausgezeichnetes Literaturverzeichnis

Wer sich für das Thema interessiert, findet auch nach der Lektüre des 318 Seiten starken Buches ein Literaturverzeichnis, das qualitativ wie quantitativ ausgezeichnet ist: Nicht nur zahlreiche hochbrisante Dokumente wie die Goebbels Tagebücher, sondern auch die Bücher von Emmy Göring und Henriette von Schirach, die nach dem #Krieg erschienen und heute kaum noch bekannt sind, werden genannt.

Sigmunds Erkenntnisse von 1998 erreichen erst heute die Massen

Traurig, wie wenig das 1998 erschienene Buch doch gefunden hat: Bereits hier ist überzeugend dargelegt, wie sehr Göring und vor allem auch Hitler drogensüchtig gewesen sind, wer sie ihnen verabreicht hat und welche Folgen das für den Kriegsverlauf und für Deutschland letztlich hatte. Sigmund spricht es nicht explizit aus, doch nach der Lektüre der erstklassig belegten Stellen zu diesem Thema ist klar: Deutschland hat den Krieg auch wegen Crystal Meth verloren. Während heute in Schulen immer noch diskutiert wird, ob Hitler nun ein Wahnsinniger oder aber ein abgrundtief böser Mensch war, ist heute vor allem die These haltbar, dass er seit 1942 kaum noch Herr seiner Sinne war. Mehr als einmal am Tag erhielt er von seinem Leibarzt Theodor Morell eine angebliche „Vitamin-Spritze“, die aber hauptsächlich Meth-Amphetamin enthielt und ihn physisch wie psychisch zum Wrack machten. Vor wenigen Wochen erschien „Der totale Rausch“ von Norman Ohler und hat reichlich Staub aufgewirbelt. Das Buch befasst sich nämlich mit genau diesem Thema, weswegen der Historiker Hans Mommsen sogar im Nachwort behauptet, es würde das Gesamtbild ändern. „Die Frauen der Nazis“ von 1998 scheint Mommsen nicht gelesen zu haben, denn dort hätte er bereits zahlreiche Thesen Ohlers vor fast zwanzig Jahren lesen können. Ein trauriger Beleg für die festgefahrenen und einseitigen Bahnen, auf denen deutsche Historiker in Hinblick auf das Dritte Reich verkehren.

Weitere Bänder verfügbar

Die Wienerin Anna Maria Sigmund hat derweil längst nachgelegt. Wem der erste Teil gefällt, den erwarten „Die Frauen der Nazis II“ und III, in denen weitere Persönlichkeiten untersucht werden. Erhältlich ist der erste Teil für 9,99 als Taschenbuch in einer komplett überarbeiteten Auflage von 2013.

Bildquelle: Flickr.com, Karl-Ludwig Poggemann, CC BY 2.0 Lizenz