Wie kein anderer Politiker provoziert der ehemalige Finanzsenator von Berlin und Ex-Unternehmer Thilo Sarrazin. Während wenige SPD-Parteifreunde und auch viele Menschen in der Bevölkerung seine Aussagen befürworten, gilt er nicht selten als Hetzer und Panikmacher. Nun gab der inzwischen nur noch als Autor tätige 71-Jährige der BILD ein Interview. Ausführlich reflektierte Sarrazin darin in gewohnt direkter Art vor allem die Flüchtlingskrise.

"Willkommen" ist Kitsch

Der Autor wirft den Politikern der Bundesregierung vor, die Dimension des Problems mit den Flüchtlingen viel zu spät erkannt und akzeptiert zu haben. "Der wachsende Zustrom aus Afrika, der Druck auf Spanien, dann Lampedusa und der Syrien-#Krieg. Bis zum Sommer 2015 lag einfach der Fokus nicht auf dem Thema #Flüchtlinge." Im Mittelpunkt habe bis Anfang 2015 die Griechenland-Krise gestanden. Als dann die Situation mit den Flüchtlingen begann, befanden sich unsere Politiker im Schlaf der Erschöpfung, so Sarrazin. Auch mit dem Begriff "Willkommenskultur" habe Sarrazin ein Problem. Er spricht gar von einer missbräuchlichen Begrifflichkeit. "Willkommen heißt es ja im Alltag für jedermann eigentlich nur, solange er seine Rolle einhält", meint Sarrazin. Der Begriff habe inzwischen eine moralische Überhöhung bekommen, die den Kitsch streift.

Man sieht meist nur Frauen mit kleinen Kindern im TV

Thilo Sarrazin kritisierte auch eine Reportage von Norbert Blüm über die Flüchtlingslager. In BILD sagte der Autor, dass Norbert Blüm zwar dort übernachten kann, wo er denn gern möchte. Doch die Auswahl der TV-Bilder über Flüchtlinge kann schnell zur Täuschung werden. Wenn zu 80 Prozent gesunde junge Männer kommen, so sehe man im Fernsehen zu 95 Prozent Frauen mit kleinen Kindern. Dies sei eine Inszenierung, die die Öffentlichkeit manipulieren soll. Bevor sich Thilo Sarrazin solchen Inszenierungen hingebe, denke er lieber gründlich über die Probleme und Lösungsmöglichkeiten nach. Auch meint Sarrazin: "Die Flüchtlingskrise verbraucht Wohlstand, sie schafft ihn nicht."

Wären Analysen ernst genommen, gäbe es keine AfD

Der Erfolg der AfD (Alternative für Deutschland) verwundert Sarrazin nicht. In dem Interview verweist er auf seine Bücher "Deutschland schafft sich ab" (2010) und "Europa braucht den Euro nicht" (2012). Darin habe Thilo Sarrazin bereits auf die Risiken einer falschen Einwanderung hingewiesen. Er schrieb darin auch über die Gefahr eines radikalen Islam sowie einer verfehlten Politik bei der Euro-Rettung. Der ehemalige Politiker erklärte weiter, er habe in den Büchern Lösungsvorschläge gemacht. "Hätten die verantwortlichen Politiker der CDU und SPD diese Analysen ernst genommen und entsprechend gehandelt, so wäre die AfD 2013 gar nicht erst gegründet worden oder hätte zumindest nicht diese Wahlerfolge."

Foto: ZDF Aspekte / Screenshot

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