„Vier Prozent der hauptamtlichen Bürgermeisterinnen in Deutschland sind weiblich. Zehn Prozent der Mandate in Landkreistagen werden von Frauen übernommen. 80 bis 90 Prozent der Frauen arbeiten in niedrig bezahlten Berufen.“ Anke Domscheit-Berg, politikerfahrene Publizistin, Unternehmerin und bekennende Feministin, liebt Zahlen. Ihr im Vorjahr veröffentlichtes #Buch „Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind” beginnt mit Zahlenkolonnen über mehrere Seiten. Das Werk musste sie schreiben, weil sie ein ähnliches selbst vermisste, bekennt sie bei ihrer Lesung am gestrigen Welttag für die Beseitigung der Armut in der Kreisstadt ihres Heimatlandkreises Oberhavel. Gut 20 Menschen haben sich im Oranienburger Bürgerzentrum eingefunden, unter ihnen zwei Männer. Für die Resonanz auf ihre Lesungen konnte die langjährige Unternehmensberaterin bisher kein Muster erkennen. In großen Städten kamen wenige Interessierte, in kleinen Gemeinden reichte mitunter der Platz kaum aus.

Fakten zur Geschlechtergerechtigkeit

„Ich wollte mit nackten Fakten den Status quo anschauen“, sagt die 48-Jährige. Und gleich darauf: „In keinem Land gibt es Geschlechtergerechtigkeit.“ Ihr Buch teilt sich in drei Teile. Während im ersten Drittel eine Bestandsaufnahme erfolgt, werden im Mittelteil Erklärungsmuster gesucht und im dritten, konstruktiven, Teil geht es um Hausaufgaben für alle.

Über Sinn und Unsinn von Rosa-Blau-Unterschieden, Stereotype in Werbung oder Spielzeugindustrie spricht sie, aber auch, wie sich die „Hierarchie der Geschlechter“ auf die stetig steigende Zahl von Essstörungen vor allem bei jungen Mädchen auswirkt. So sind 67 Prozent der weiblichen Kinderfernsehfiguren, bezogen auf ihre Körpermaße, physisch absolut unrealistisch, bei männlichen Figuren ist das nur bei sechs Prozent der Fall. Das Kapitel über „das pandemische Problem Gewalt“ liest sie heute nicht. „Es ist deprimierend, aber wichtig.“ Medien prägen. Und wie! Den Anstieg der weiblichen Polizeianwärterinnen, der in einigen Bundesländern bei 50 Prozent liegt, führt Anke Domscheit-Berg auf die Dauerpräsenz von Fernsehkrimis zurück.

Sie unterzieht Klischees einem knallharten Realitätscheck und regt sich darüber auf, dass die Aufstiegschancen für Männer in den Branchen am besten sind, wo der Frauenanteil am höchsten ist. Ihr Lieblingsthema ist die Steinzeit. „Die muss für vieles herhalten, aber wie es wirklich war, weiß keiner.“ Das Gehirn kann lernen, bis ins hohe Alter. Jäger gegen Hüterinnen des Heims? „Die Steinzeit ist jedenfalls nicht schuld an den Geschlechterunterschieden.“              

Wege zur Gleichberechtigung

Amüsant, wenn auch teilweise aus bitteren Erfahrungen entsprungen, und trotzdem hoffnungsvoll ist Teil 3. Anke Domscheit-Berg plädiert für eine intelligentere Personalsuche in Unternehmen. Im Idealfall sollten Bewerbungsprozesse so weit wie anonym erfolgen. Auch dass „Männer ihrer Partnerin im Haushalt helfen“, hält sie für völlig überholt und sagt: „Für Familienarbeit sind alle zuständig.“ Für Zweifler hat sie Studien recherchiert: die eine fand heraus, dass im Haushalt mitarbeitende Männer glücklicher sind, die andere stellte fest, dass sie auch mehr Sex hätten. „Wenn das funktioniert, ist es in Ordnung“, lacht die Autorin. Gleichberechtigungsziele ließen sich ohnehin nur gemeinsam von Frauen und Männern umsetzen. Sie erinnert an die Marktmacht von Frauen. Produkte, die mit sexistischen Parolen werben? „Protestieren und zwar zahlreich“, ermuntert sie. Sie ist überzeugt davon, dass mehr Menschen für Gerechtigkeit kämpfen würden, wenn ihnen die Ungerechtigkeiten bewusst wären.

Foto: ©Dagmar Möbius

Den Feuerlöscher brauchte sie nicht: Anke Domscheit-Berg wünscht sich, dass sich mehr Bürger für Gerechtigkeit engagieren.

1992 erklärte die UN-Generalversammlung den 17. Oktober zum Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut. 2015 war ein knappes Viertel der EU-Bürger von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. #Fernsehen