Im Gespräch mit Blasting.News erklärt der protestantische Theologe Richard Günther (76) was das Attentat für das Zusammenleben der Religionen in Deutschland bedeutet.

Blasting.News: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom Attentat in #Berlin erfahren haben?

Richard Günther: Herr, lass es ein Unfall gewesen und niemand zu Schaden gekommen sein! Natürlich habe ich sofort gewusst, dass das eine naive Hoffnung ist. Bald hat der Schreck eingesetzt und einige meiner ehemaligen Gemeindemitglieder haben angerufen, obwohl ich die Gemeinde schon vor langer Zeit abgegeben habe.

Blasting.News: Macht es für Sie und die Gesellschaft als Ganzes einen Unterschied, dass der mutmaßliche Attentäter wahrscheinlich ein Moslem war?

Richard Günther: Das ist eine Frage, die ich nur auf mehreren Ebenen beantworten kann.

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Zunächst einmal ist eine solche Tat an sich entsetzlich, egal wer sie verübt hat. Wenn Menschen zu Tode und zu Schaden kommen, ist dies schrecklich, selbst wenn ein Unfall der Grund ist. Aber natürlich erfüllt es mich als Christen mit Sorge, dass die zweitgrößte Weltreligion, zumindest in Teilen, immer mehr zu einer politischen Kampfideologie umfunktioniert wird. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie man sich fühlen muss, wenn im Namen der eigenen Religion ständig solche Taten verübt werden. Mir wird schon übel, wenn ein christlicher Fundamentalist in den USA Bücher verbrennt. Wie müssen sich da bloß die Moslems fühlen?

Blasting.News: Es gibt Stimmen, die Gewalt als fest verankert im #Islam sehen und ihn eher als polit-religiösen Hybridkult sehen und weniger als reine Religion.

Richard Günther: Das ist ja nun wirklich ein Unsinn.

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Ja, es stimmt schon, dass im Islam Staat und Religion nicht klar getrennt sind. Uns Christen ist das - dem Neuen Testament der Bibel sei Dank - im Kopf verankert. Aber lassen wir die Kirche doch mal im Dorf. Der Islam war doch über Jahrhunderte eine ganz normale Weltreligion, bevor er von Fanatikern gekapert worden ist!

Blasting.News: Der Islam als Entführungsopfer?

Richard Günther: Leider. Es ist fundamentalistischen Strömungen gelungen, diese alte Weltreligion in Teilen in Geiselhaft zu nehmen. Die Gefahr ist jetzt, dass die ganz normalen Moslems jeden Tag mehr in ein Stockholmsyndrom abrutschen.

Blasting.News: Was ist ein Stockholmsyndrom?

Richard Günther: Einfach gesagt, ein seelischer Vorgang, bei dem eine Geisel in Identifikation und Solidarität mit dem Geiselnehmer rutscht, ohne es zu wollen. Meine Sorge ist, dass die normalen Moslems immer mehr glauben könnten, es gebe wirklich einen Kampf der Kulturen. Das ist doch das eigentliche Ziel dieser Attentäter. Schauen Sie, vor vierzig Jahren haben sie in Deutschland, aber auch in Ägypten, Türkei und Iran, kaum eine Frau mit Kopftuch gesehen und heute wird es hochstilisiert als hänge davon deren Glaube ab.

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Da verschieben sich Kräfte, das ist fast schon unheimlich.

Blasting.News: Kann man das nicht verhindern?

Richard Günther: Sicher nicht wir Andersgläubigen. Wir müssen ganz arg aufpassen, dass wir den Terroristen nicht in die Falle laufen, indem wir unsere Wut auf alle Moslems projizieren. Außerdem hatte Frau Merkel schon recht, als sie sagte, auch wir müssen uns wieder mehr auf unsere Werte besinnen, mit einem toleranten Selbstverständnis als Christen. Auch wenn wir nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen.

Blasting.News: In diesen Tagen sind Sie offenbar einer der selter werdenden Verteidiger der Kanzlerin?

Richard Günther: Dass die Frau Bundeskanzler meint, die Probleme der Welt hier im Lande lösen zu können, da glaube ich leidet sie an Realitätsverlust. Aber dass sie ein gutes Christenherz hat, das sieht man doch! Ich habe Ihnen aber auch schon gesagt, dass man Glaube und Politik nicht vermischen soll. Die Frau Bundeskanzler hat das getan, ohne Not, denn den Menschen wäre auch anders zu helfen gewesen. Man kann ihr nur wünschen, dass sie gute Berater hat, die sie in die politische Realität zurückholen an diesem einen Punkt.

Blasting.News: Vielen Dank, Herr Günther! #Terrorismus