#Russland ist für uns Westler ein Rätsel, war es immer und wird es wohl immer bleiben. Fast schon unfreiwillig symbolisch steht dafür der Doppelkopfadler im russischen Staatswappen. Der Blick geht nach Osten und nach Westen, die russische Seele gespalten in der Mitte. So war es schon zu Zar Peters Zeiten, als er Sankt Petersburg im Sumpf der Neva gegen alle Widrigkeiten und mit größten menschlichen und finanziellen Opfern als Traumstadt, Venedig des hohen Nordens und Schaufenster zum Westen erbauen ließ. Ein Reisender aus Westeuropa wird sich auch heute in Sankt Petersburg, das bemerkenswerterweise auch im Russischen seinen deutschen Namen trägt, fast wie daheim fühlen.

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Landet man dagegen in Moskau oder Wolgograd, dann merkt man: hier ist Ausland. Das Gleiche gilt für die Politik. Vieles in Russland erinnert an den Westen, zumindest bei einem ersten flüchtigen Blick. Im Inneren herrschen dagegen die Zaren. Einst die imperialen, dann die kommunistischen und heute Vladimir #Putin. Das aktuelle politische System Russlands, die Machtpyramide an deren Spitze der Präsidenten-Zar steht, es ist keine Anomalie der russischen Geschichte, es ist ein Ausdruck einer Kontinuität tiefsitzender Traditionen. Insofern war es schon ein Zeichen ungewöhnlicher, wenn auch nur formaler Achtung des Rechts, dass Präsident Putin sein Amt verfassungsgemäß zwischendurch an Dimitri Mevedev abgegeben hatte. Für russische Verhältnisse ein erstaunlich formal korrekter Schritt, der außerhalb des Riesenreiches in seiner Bedeutung von vielen nicht verstanden wurde.

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Verfrühter Wahlkampf in Russland?

Umso spannender ist, dass der Oppositionelle Alexeij Nawalny offenbar gegen Putin bei den nächsten Präsidentschaftswahlen antreten will. Er stand schon vor Gericht und einige Repressalien durch, doch gab jetzt trotzdem den Beginn einer Wahlkampagne für das Amt des Staatspräsidenten bekannt. Im Klartext, er will Vladimir Putin ablösen. Die nächsten Wahlen sind zwar erst 2018, doch Nawalny kündigte schon jetzt an, er wolle seinen Hut in den Ring werfen, weil es nötig sei Probleme offen anzusprechen, die ansonsten freundlich weggeschwiegen werden. Er sprach in einer Videobotschaft über angebliche Korruptionsfälle, das soziale Gefälle, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und auch über militärische Abenteuer. Dabei ist noch nicht einmal klar, ob er als Kandidat überhaupt antreten darf. Im Westen wurde Nawalny als Anführer von Demonstrationen gegen die erneute Wahl Putins 2012 zum Liebling der Politikbeobachter. Ganz klar war seine Rolle aber schon damals nicht und es gab durchaus auch Zweifel, ob er wirklich der liberale Demokrat ist, als der er im Westen gehandelt wurde.

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Volles Risiko oder ein Spiel?

Immerhin war Nawalny vor gut drei Jahren aufgrund von "Veruntreuung" zu 5 Jahren Haft in einem Lager verdonnert worden. Eine Intervention des "Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte" erwirkte eine Neuverhandlung, der Fall ist schwebend. Folglich konnte die russische Wahlzulassungskommission auch nur bekanntgeben, dass die Gestattung einer Bewerbung Nawalnys direkt vom Urteil am Ende des neuen Prozesses abhänge. Analysten sehen deswegen in der aktuellen Wahlkampfaktion Nawalnys mitten in einer Legislaturperiode weniger den Beginn einer ernsthaften Kandidatur, als vielmehr einen Dienst für die aktuell amtierende Regierung.

Eine Funktion als Dampfventil?

Die Stimmung in Russland ist durch Kriege, Rubel- und Ölpreisverfall, aber auch wegen der westlichen Sanktionen nach der Okkupation der Krim eher mäßig. Da bietet sich ein Dampfventil wie Nawalny an. Hofnarren, die unerwünschte Wahrheiten aussprechen und damit Druck aus dem System nehmen, waren schon immer Teil russischer Politik. Es spricht viel dafür, dass wir hier eher etwas in dieser Art sehen als den Beginn einer aussichtsreichen Kandidatur. Ist das schlimm? Wie bereits festgestellt: mit westlichen Maßstäben ist Russland weder verstehbar noch fair beurteilbar. Es ist ein spannendes Unikum und wird es wohl immer bleiben. #Opposition