Viele Ereignisse lassen sich mit Abstand besser bewerten. Drei Jahre sind seit der letzten #Bundestagswahl vergangen. Ein guter Zeitpunkt also, sich einem heißen Eisen zu nähern: der #FDP. Für die linke Presse war die Sache klar: die FDP sei nach ihrem Wahlsieg 2009 aufgrund von Inkompetenz, gebrochener Wahlversprechen und sozialer Kälte gescheitert. Dem Sieg der FDP war eine Serie von Erfolgen vorausgegangen. Die liberale Partei war an vielen Landesregierungen beteiligt, mit exakt jenem Programm, das später als Grund für den Absturz der Partei angeführt wurde. Auch kann man den Liberalen nicht vorwerfen, dass sie nach der Bundestagswahl 2009 mehr Wahlversprechen gebrochen hätten als andere Parteien.

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Um den vorläufigen Untergang der Liberalen bei den Wahlen 2013 erklären zu können, muss man den Blick auf den Beginn des Niedergangs werfen. Dieser begann bereits in der Mitte des Novembers des Jahres 2009 und beschleunigte sich im Winter 2010 rasant.

Man muss auf die Zahlen der FDP schauen!

Nun stellt sich die Frage: was ist zu dieser Zeit geschehen? Uneingelöste Wahlversprechen? Nein, diese Erklärung fällt Erwarten aus! Die Tinte unter dem Koalitionsvertrag war zu diesem Zeitpunkt noch nicht trocken und der Vertrag war sehr günstig für die FDP. Das Nichteinlösen der Versprechen kam damit logischerweise erst viel später. Dieses Argument ist also nicht valide. Die einzige auffällige "Tat", welche sich die FDP seinerzeit "geleistet" hatte, war die Entscheidung des 2016 tragisch verstorbenen Parteichefs und Außenministers Westerwelle, als erster homosexueller Politiker weltweit, seinen Gatten mit auf Reisen zu nehmen, als "Mann an seiner Seite".

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Dies führte bereits zu einem öffentlichen Murren, höhnisch verpackt in eine heuchlerische Kritik an einer nichtexistenten Vermischung von geschäftlichen und privaten Interessen. "Machen wir uns nichts vor, der Absturz begann, als Westerwelle mit homosexueller Sichtbarkeit ernst machte", gibt ein bekannter Publizist zu, unter der Bedingung, dass sein Name unerwähnt bleibt. "Hinter vorgehaltener Hand haben wir hier in Berlin offen darüber gesprochen. Der Außenminister hat die Akzeptanz der Deutschen insgesamt, aber vor allem seiner Wählerschaft, tragisch überschätzt. Die Leute sind nicht so tolerant wie sie tun. Sie waren falsch zu ihm, heuchlerisch, schlimm!“

Ein erschreckender Befund!

Auch Cathryn Clayland vom LGBT-Center New York hat den Fall analysiert. "Wir müssen davon ausgehen, dass der FDP nicht ihre Politik, sondern der Tabubruch ihres Vorsitzenden das Genick gebrochen hat. Westerwelle hat seine Homosexualität öffentlich in bürgerlicher Form dargestellt. Das war auf einer gewissen Ebene eine Kampfansage, sowohl an das konservative Bürgertum, aber auch an antibürgerliche schwule Aktivisten".

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Der Tabubruch habe darin bestanden, Homosexualität salonfähig zu machen. "Solange er so eine Art bunter Redner im Bundestag war, stellte sein Schwulsein kein Problem dar. Doch als er mit seinem Mann aus dem Flugzeug stieg und so als Vizekanzler den roten Teppich entlang lief, brannten bei vielen die homophoben Sicherungen durch".

Bekam FDP-Rösler die rassistische Breitseite?

Dies gelte auch für die Zeit nach Westerwelle als Parteivorsitzender. Man könne es drehen und wenden wie man wolle, die Wähler hätten auch mit einem ethnischen Vietnamesen als Vizekanzler gefremdelt, obwohl er Philipp Rösler hieß und durch und durch deutsch war. "Ich bekomme am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone zu hören: Ich würde Euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg", sagte der damalige Vorsitzende der Jungen Liberalen. Hessens seinerzeitiger FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn toppte dies noch, indem er die gesellschaftliche Akzeptanz eines "asiatisch aussehenden Vizekanzlers" infrage gestellt hatte. "Seien wir ehrlich, der Befund ist grausam", beendet der in der deutschen Hauptstadt bestens vernetzte Publizist seine Analyse, "die FDP ist nicht an ihrer Politik zugrunde gegangen, sondern an Homophobie und Rassismus". #Christian Lindner