(StS/NYC mit SN/CH) Als vor knapp zwei Jahren der Flug 9525 der #Germanwings (eine Airline der Lufthansa Group) an einer Felswand in den französischen Alpen zerschellte, war das Entsetzen groß. Immer noch gibt es Menschen, die glauben, es sei unvorstellbar, dass ein psychisch kranker Mann eine solche Katastrophe willentlich herbeiführt. Dabei wird vergessen, dass eine psychiatrische Erkrankung und „freier Wille“ miteinander kollidieren. Wenn die Gehirnchemie aus dem Takt ist, dann ist es auch mit dem vermeintlich freien Willen so eine Sache. Nicht zuletzt deshalb sprechen Psychiater auch von Suizid und nicht von „Freitod“, denn „frei“ ist bei einem krankheitsbedingten Selbstmord nichts - sei er selbstbezogen oder „erweitert“, wie im Fall des Germanwings Fluges 9525.

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Als der Airbus A320 bei Prads-Haute-Bléone im Département Alpes-de-Haute-Provence mit fast 1000 km/h auf einen Berg zuraste und 149 Menschen plus den Amokpiloten in den Tod riss, Familien zerstörte und Angehörige seelisch zerriss, war nichts frei. Gerade weil es so schwer vorstellbar ist, was im Kopf eines psychisch kranken Menschen passiert, erzeugt auch der Abschlussbericht zur Flugunfalluntersuchung ein komisches Gefühl. Dass ein als „nett“ beschriebener, adretter, schneidiger, deutscher Flugzeugzeugführer erweiterten Selbstmord auf solche Weise begeht, passt nicht zu den Bildern, die wir über junge Piloten als Helden der Lüfte im Unterbewusstsein haben. Und doch passt es zum psychiatrischen Wissen, wo auch immer man sich bei fachlich versierten Ärzten umhört.

Wahrheit?

Das eigentlich Unfassbare ist, dass der Amokpilot sich an diesem Tag überhaupt im Cockpit eines Flugzeugs der Lufthansa Group befand.

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Piloten mit leichten Herzleiden oder anderen internistischen Petitessen versetzt man schnell an den Boden. Aber offenbar gab es weder ein ausreichendes Screening nach psychiatrischen Erkrankungen bei Lufthansa, noch nahm man Hinweise ernst genug. Das ist in #Wahrheit das Unglaubliche.

Sind es viele?

Wenn ein Pilot mit etwas Restalkohol im Blut dabei erwischt wird, ein Flugzeug führen zu wollen, findet sich solch ein Vorfall gerne mal auf den „bunten Seiten“ der Zeitungen. Aber niemand - restlos niemand - weiß, wie viele Geisteskranke sich an den Steuerknüppeln der Airline-Industrie befinden. Aktuell berichtet die WELT, dass bei jedem zehnte Flugzeugführer auf Grundlage einer Studie der Harvard University Hinweise für eine Depression feststellbar seien. Eine Studie dazu wurde im Journal „Environmental Health“ publiziert.

Nur Depression?

Fragt man Psychiater, weisen sie einen auf ein kleines, aber extrem wichtiges Detail hin: depressive Symptome können Zeichen für eine Depression sein - jedoch auch bei anderen psychiatrischen Störungen als Symptom auftreten.

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Etwa bei einer bipolaren Störung oder gar bei einer Schizophrenie. Joseph Allen, Autor der Harvard-Studie, mahnt deshalb auch, dass derzeit am Himmel sehr wahrscheinlich viele Piloten unterwegs sind, die keine professionelle Hilfe wahrnehmen, weil sie fürchten, ihre Karriere wäre dann am Ende.

Wer reagiert?

An der anonym gehaltenen Studie beteiligten sich 3.500 Piloten aus über 50 Ländern. Etwa 50% beantwortete auch Fragen zu ihrem seelischen Zustand. Davon würden knapp 13% Anzeichen einer Depression zeigen und 4% Selbstmordgedanken hegen. Bei diesen Zahlen wundert man sich über zwei Tatbestände: erstens, dass nicht noch viel mehr Katastrophen passieren - was gut ist. Und zweitens, dass die Airlines das Problem immer noch nicht in seiner Tragweite zu erkennen scheinen. Es ist nicht wirklich klar, ob Lufthansa und ihre Wettbewerber das Problem auch nach dieser Katastrophe und den daraus gewonnenen Erkenntnissen wirklich verstanden oder das Grundproblem behoben haben. Das ist der Skandal und das Mysterium. Der Gesetzgeber ist gefragt, hier die Daumenschrauben anzuziehen. Bei allem Respekt vor psychisch Kranken Menschen - in einem Cockpit hat ein Herr #Lubitz genauso wenig verloren wie Patienten nach einem Schlaganfall.