(StS/NYC) Wenn man in diesen Tagen eines lernen durfte, dann waren dies zwei Dinge: Erstens hat Außenminister Gabriel (SPD) einen wirklich kompetenten Sprecher. Zweitens, folgt #Deutschland gerade seinen übelsten Reflexen. Aber der Reihe nach. Sprecher Martin Schäfer erklärte gestern den Kurs der Bundesregierung gegenüber der Türkei in einer erstaunlichen Aufrichtigkeit. Der Mann ist ein Glücksfall für das Auswärtige Amt (AA). Welch ein Vergleich zur Bundeskanzlerin, die am gleichen Tag inhaltlich das Gleiche sagte, worauf am Ende allerdings nur jene ihre Botschaft verstanden hatten, die 23 Semester Politik zusammen mit Sonderpädagogik studiert haben.

Werbung
Werbung

Der deutsche Reflex!

Wäre Deutschland ein Mensch, müsste es derzeit zu einer dieser Therapien, wo man lernt, seine Aggressionen in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen. Denn Deutschland verfängt sich in einem alten Reflex, der so abläuft: Geht ein Pärchen nachts durch den Park, taucht plötzlich ein Räuber auf. Ein Amerikaner würde seine "Neunmillimeter" ziehen, dem Bösewicht in alle nicht lebenswichtigen Körperteile schießen und gut. Der deutsche Reflex dagegen lautet "bloß nicht reizen". Das Pärchen würde dem Räuber alles geben, was es hat. Schließlich hatte dieser vielleicht eine schwere Kindheit? Und überhaupt... war man nicht auch selbst in der Jugend mal auf der schiefen Bahn? Also ergibt man sich lieber und rächt sich allenfalls kalt.

Eine Fehlkalkulation!

Im Fall der deutschen Türkeipolitik läuft es gerade nicht unähnlich.

Werbung

"Bloß nicht reizen hört man es wispern", "die Provokationen sind ein Trick Erdogans, um seine Wähler zu mobilisieren" oder "man muss mit der #Türkei schließlich auch weiter reden können". Klingt gut und besonnen, ist aber Unfug. Es ist sogar noch dramatischer. Erdogans Nazi-Vergleiche mögen zwar nerven, das wahre Drama spielt sich jedoch darin ab, dass er aus Deutschen mit türkischen Wurzeln wieder Türken macht. Die türkische Regierung als Ganzes wühlt sich derzeit wie eine tollwütige Wildsau durch das zarte Beet der Integration und schadet damit nicht nur Deutschland - sondern vor allem jenen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Übler Schaden!

Es steht außer Frage, dass Deutschland sich gegen die Anmaßungen der Türkei hinter den Kulissen wehrt. Es ist auch eine ganz natürliche Reaktion Deutschlands, Rache kalt zu servieren - und Herr Erdogan wird an seinen Ausfälligkeiten noch schwer zu kauen haben. Aber das ist für die Menschen in Deutschland alles nebensächlich. Das Drama ist, dass Erdogan "seinen" Landsleuten in Deutschland allerschwersten Schaden zufügt.

Werbung

Alles auf Null?

Angela Merkel, die im Herzen keine Multikulturalistin ist (die Grenzöffnung 2015 war "nur" das Resultat eines furchtbaren strategischen Versagens), soll schon vor Jahren die Losung ausgegeben haben: umarmt sie alle. Gemeint war, Parallelgesellschaften auszutrocknen, auf dass sich die Zugewanderten und ihre in Deutschland geborenen Nachkommen so sehr zuhause fühlen, dass sie zu echten Deutschen werden - so wie einst die Hugenotten oder die Polen im Ruhrgebiet. Das ist jetzt obsolet.

Erdogan, der Zerstörer!

Erdogan hat diese Bemühungen in kurzer Zeit zerstört. Selbst Deutsche, deren einzige Beziehung zur Türkei ihre von dort in den Sechzigern nach Deutschland eingewanderten Großeltern sind, fühlen sich plötzlich wieder als Türken. Weil der Sultan vom Bosporus sie dazu verführt, sie aufpumpt mit einer gigantomanischen Polemik, dem Zucker des "Wir sind wieder wer" und einem ordentlichen Hub Stolz und #Ehre.

Deutsche Ehre?

Vor allem sollte sich endlich einmal irgendwer erbarmen und der Welt mitteilen, dass nicht nur Türken ein Ehrgefühl haben. Das deutsche Ehrgefühl mag gut versteckt sein unter eine Tonne kühler Mentalität und den Nachwirkungen des Dritten Reiches. Dennoch existiert es und verlangt, ernstgenommen zu werden. Sonst regiert wirklich bald die AfD im Bund und den Ländern mit. Im Ernst.