Auf dem zur Springer Gruppe gehörenden Nachrichtenkanal N24 gab der bekannte Publizist Henryk M. #Broder heute ein bemerkenswertes Interview zur Lage der #Türkei und zur Feigheit der deutschen Politik. Wir dokumentieren das Gespräch in Auszügen:

N24: Sie sind ja ein Mann der klaren Worte. Insofern dürfte Ihnen gefallen, was die Niederländer gerade machen: soweit und nicht weiter!

Broder: Genau das. Ich bin ohnehin ein großer Freund der Niederländer. Das ist ein erzliberales Volk, aber es hat Grundsätze. Bei uns ist es genau anders.

N24 (sinngemäß): Könnte die gegenwärtige Härte der Niederländer an den dortigen Wahlen liegen?

Broder: Nein, das glaube ich nicht.

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Ich glaube, dass die Holländer genauso reagiert hätten, wenn sie nicht gerade Wahlkampf hätten. Und im Übrigen: bei uns ist auch Wahlkampf! Was die Kanzlerin heute macht…

N24: Ein Vorspiel…

Broder: …also nein, ich glaube dass Herr Schulz schon die Hauptrunde eingeläutet hat. Das ist schon mehr als Vorspiel. Wir nähern uns der Klimax.

N24: Aber warum sind wir nicht so wie die Niederländer…?

Broder: Diese Frage stelle ich mir, seit ich auf der Welt bin.

N24: Warum können wir nicht klare Worte finden und sagen, "Passt mal auf Freunde, Ihr könnt hierher kommen, als Minister, Ihr könnt mit uns reden, Ihr könnt auch zu Euren türkischen Landsleuten reden, aber bitte macht keinen Wahlkampf. Das ist Deutschland und nicht die Türkei".

Broder: Ja! Eigentlich kann ich jetzt gehen. Sie haben eigentlich alles gesagt.

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Genauso ist es! Es ist so! Ich sehe nicht ein, warum wir der Türkei das Recht geben, uns damit befassen zu müssen, welche Probleme die haben. Und die Türkei mischt sich massiv in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik ein! (…) Verbittet sich aber jede Kritik an den Verhältnissen in der Türkei.

N24 (sinngemäß): Muss man nicht versuchen, wieder auf den Boden einer ordentlichen Sprache kommen?

Broder: Ich finde es auch toll, wenn Frau Roth [Broder mein Claudia Roth von den Grünen] und andere Politiker sagen, wir müssen deeskalieren. Das ist ungefähr so, als wenn ich Sie auffordern würde, angesichts eines Einbrechers, der vor Ihrer Tür steht, das Haus offen zu lassen. Nein, wir haben nichts zu deeskalieren! (…) Aber was noch viel irrer ist und mich am meisten beeindruckt: (…) Das Motto der Deutschen, das Leitmotiv, ist „Wehret den Anfängen“, dicht gefolgt von „Nie wieder ‘33“. Und hier erleben wir vor unseren Augen, in Echtzeit, wie eine relativ rechtsstaatliche Ordnung, die schon etwa angebröselt war, jetzt in eine #Diktatur überführt wird.

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Wir sehen hier in unserer unmittelbaren Nachbarschaft das, was 1933 in Deutschland passiert ist; den Übergang von einer Halbwegsdemokratie in eine ganze Diktatur. Und es berührt uns offenbar nicht, weil wir sind immer noch damit beschäftigt, die Machtergreifung der Nazis zu verhindern. Wissen Sie, irgendwo in Brandenburg gehen drei Glatzen auf die Straße und wir schreien, „Das vierte Reich steht vor der Tür“. Da [gemeint ist die Türkei] entsteht eine brutale Diktatur, mit verhafteten Journalisten, mit entlassenen Beamten, mit Richtern und Staatsanwälten, die vom Staat gelenkt werden. Sie haben das ganze Programm einer Diktatur. Und wir sagen, wir sollen deeskalieren?! Das ist doch ein Irrenhaus, oder?

N24: Sie haben gerade festgestellt, was wir nicht tun. Was sollten wir denn tun?

Broder: Kante zeigen! Wissen Sie, diese Politik des Appeasements hat noch nie genutzt. Sie hat 1938 nicht genutzt, als es um das Sudetenland ging, sie hat nichts genutzt bei Verhandlungen mit Nordkorea oder bei Verhandlungen mit Kuba. Sie können totalitären Herrschern nur mit Kraft und mit Entschiedenheit beikommen. Ich sage nicht mit militärischen Mitteln, aber mit einem klaren Standpunkt. Die Schweizer können es, die Holländer können es, erstaunlicherweise auch die Ostmärker – also die Österreicher – wieso können wir es nicht?