(StS/NYC) Bundespräsident #Steinmeier hatte kein Blatt vor den Mund genommen und seinen Amtskollegen #Erdogan laut und hart aufgefordert, den WELT-Journalisten Deniz #Yücel freizulassen. Jetzt meldet sich Erdogan zu Wort und "bedauert" die Kritik des neuen deutschen Präsidenten. Er kündigte auch an, seine wirren Nazi-Vergleiche nicht einzustellen. Wer ihn einen "Diktator" nenne, müsse es ertragen, wennn er andere als "Nazis" oder "Faschisten" tituliere, berichtet Springer. Diese Kindergartenweisheit piepste der türkische Präsident mit leicht angeschlagener Stimme am Donnerstag auch in die Mikrofone von CNN Türk (Zwischenfrage: warum ist CNN noch in der Türkei?) und anderen Stationen.

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Erst, wenn man ihn nicht mehr als "Diktator" bezeichne, würde er zu einer zivilisierten Sprache zurückkehren.

Das Problem ist nur: auch bei gründlicher Recherche ließ nicht keine Aussage eines europäischen Staatschefs finden, der Erdogan als "Diktator" bezeichnet. Wen meint er also? Journalisten? Wir dürfen das, nennt sich Pressefreiheit. Oppositionspolitiker? Mag sein, sprechen aber nicht für ihr Land. Erdogan scheint die grundlegenden Spielregeln der Diplomatie nicht zu verstehen - oder nicht verstehen zu wollen. Da sind ja sogar die Mullahs in Teheran weltgewandter als der Pascha aus Ankara. Klingt fast so, als wäre er eingeschnappt, weil man ihn ertappt hat. Erdogan trötete zudem, er "bedauere" die Kritik seines deutschen Amtskollegen Steinmeier, denn beide seien gut befreundet.

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Ob Präsident Steinmeier das mit der Freundschaft ebenso sieht, haben wir nicht in Erfahrung bringen können, aber berechtigte Zweifel sind angebracht. Erdogan ging sogar noch weiter und rügte den Präsidenten der wichtigsten Macht Europas wie einen Schuljungen. Steinmeier hätte "eine solche Erklärung (...) nicht abgegeben" sollen. Peinlicher geht es kaum, Herr Erdogan.

Präsidiale Kritik aus Berlin!

Bundespräsident Steinmeier hatte am Mittwoch vor Bundestag und Bundesrat Erdogans Nazi-Vergleiche mit großem Nachdruck zurückgewiesen und von Erdogan verlangt, er möge Rechtsstaat und Pressefreiheit respektieren. Insbesondere forderte der deutsche Präsident die Freilassung des in politischer Geiselhaft sitzenden Reporters Deniz Yücel, der deutscher Staatsbürger ist. In einem anderen Kontext der selben Rede, aber durchaus in bemerkenswerte Nähe zu den Forderungen in Richtung Türkei, sagte Steinmeier, in einer Demokratie müssten alle zu Wort kommen können, aber es müsse dann eben "auch ein paar geben, die zuhören".

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Das war zwar nicht direkt auf Erdogan gemünzt, aber dieser dürfte die Botschaft verstanden haben. Erdogan teilte in einer Art von Paranoia auch eine Breitseite gegen EU-Kommissar Hahn aus und sagte allen Ernstes, er werde dessen Namen nicht mehr aussprechen. Hat auch ein wenig etwas von Kindergarten. Kommissar Hahn hatte einen Beitritt der Türkei zur EU gegenüber Springer als "immer unrealistischer" bezeichnet. Was ja nun auch stimmt, oder glaubt Erdogan tatsächlich, irgendjemand in der EU würde seinen Islamistenverein auch nur mit der Kneifzange anfassen wollen?

Ein neuer Wind?

Vor allem zeigt die Reaktion Ankaras, dass das Ausland zu verstehen beginnt: in Berlin weht mit Bundespräsident Steinmeier ein neuer Wind. Kanzlerin Merkel ist politisch schwer angeschlagen, ob die Schulz-Hysterie anhält ist fraglich und auch ansonsten zerbröselt das deutsche Parteiensystem in immer kleinere Einzelteile. Für genau solche Umstände - und schlimmere, die möglichst nie eintreten sollten - haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes das Amt des Bundespräsidenten ausgestaltet. Wenn sich die Tagespolitik atomisiert, braucht es einen, der die Richung vorgibt. Seit Mittwoch ist das unüberhörbar Bundespräsident Steinmeier. Manche deutsche Kollegen, die lange nur schwache Präsidenten gewohnt waren, reiben sich ein klein wenig verwundert die Augen. Herrn Erdogan kann man zugute halten, dass er wenigstens ein Schnellmerker ist und verstanden hat, wer der neue Chef in Berlin ist.