Teil 2 des Interviews mit Professor Dr. Axel Schönberger von der Universität Bremen zur aktuellen Lage in #Katalonien. Teil 1 lesen Sie hier.

Blastingnews: Herr Professor, was kritisieren Sie an der Berichterstattung in Deutschland über Katalonien?

Professor Schönberger:

Die Berichterstattung in Deutschland ist bislang großenteils einseitig und uninformiert. Es geht den Katalanen nicht vordergründig um Wirtschaftsfragen, sondern um ihre eigene nationale Identität und ein Ende eines Zustands, den viele Katalanen als jahrhundertelange Unterdrückung erleben. Für sie ist das Spanische nicht die "Sprache von Cervantes", sondern die "Sprache Francos".

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Sie wollen das, was für uns Deutsche längst selbstverständlich ist, nämlich einen Staat, in dem ihre Muttersprache die allgemeine Staats- und Verkehrssprache ist, und wollen nicht mehr ständig von vielen Spaniern wie Bürger zweiter Klasse angesehen werden, weil sie Katalanen sind. In der deutschen Presse werden die katalanischen Demokraten, die sich von der spanischen Monarchie trennen und eine katalanische Republik ausrufen wollen, als "Separatisten" bezeichnet und man hält ihnen vor, sie müßten sich an die spanische Verfassung halten. Wer so argumentiert, wird etwa die damalige Ausrufung der Weimarer Republik für ungesetzlich halten müssen.

Blastingnews: Wie sollte die EU reagieren?

Professor Schönberger:

In Katalonien versucht nicht etwa eine kleine Gruppe von Politikern, das katalanische Volk zu manipulieren, wie es hierzulande manche Presseartikel suggerieren, sondern ein Großteil der katalanischen Nation hat eine Revolution begonnen, die in zukünftigen Geschichtsbüchern als "Katalanische Revolution von 2017" beschrieben werden wird.

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Die Generalitat de Catalunya ist dabei, einen uralten Traum des katalanischen Volkes endlich zu verwirklichen. Ein eigener katalanischer Staat wird wirtschaftlich nicht nur gut funktionieren, sondern zu einem der wirtschaftlichen Motoren Europas werden, wenn die Europäische Union denn klug ist und es den Katalanen, die ja bislang bereits Teil der Europäischen Union sind, auch weiterhin erlaubt, Teil Europas zu bleiben. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Blastingnews: Welche Auswirkungen sehen Sie auf Europa?

Professor Schönberger:

Die in diesen Tagen beginnende Katalanische Revolution wird #Spanien und Europa wesentlich verändern. Wenn die Europäische Union eine Nation, die sich als europäisch versteht und Teil der Europäischen Union bleiben möchte, auszugrenzen versuchen sollte, um sie gegen ihren Willen zu zwingen, Teil des spanischen Staates zu bleiben, wird das Europäische Projekt langfristig seine Berechtigung verlieren und scheitern. In einem solchen Falle würden sich viele Europäer von Europa abwenden.

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Die Europäische Union darf sich nicht dazu missbrauchen lassen, Völker und Nationen gegen deren Willen zu zwingen, einem Staat anzugehören, dem sie nicht angehören wollen.

Blastingnews: Warum sehen Sie in dem Konflikt ein Aufeinanderprallen von Demokraten und Monarchisten?

Professor Schönberger:

Die Katalanen lehnen sich auch gegen eine Monarchie auf, die ihnen durch das Testament des Diktators Francisco Franco aufgezwungen wurde und die so geschickt in der Verfassung verankert wurde, dass es den Katalanen für viele Jahrhunderte unmöglich wäre, sie abzuschaffen, wenn sie ein Teil Spaniens blieben. Auf der Iberischen Halbinsel stehen sich katalanische Demokraten und spanische Monarchisten gegenüber. Wer das von den Vereinten Nationen verbriefte Selbstbestimmungsrecht der Völker und das Bekenntnis zur Demokratie ernst nimmt, wird die Entstehung einer katalanischen Republik begrüßen. Wer für das Fortbestehen der Monarchie in Katalonien eintritt, mag die Katalanische Revolution als "separatistisch" betrachten, da sie sich ja von der Monarchie lossagt.

Blastingnews: Sie haben auch strafrechtliche Überlegungen angestellt?

Professor Schönberger:

Slobodan Milošević stand seinerzeit als ehemaliger Präsident der Sozialistischen Republik Serbien wegen der Anklage des Völkermordes vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sofern der Oberkommandierende der spanischen Streitkräfte, König Felipe VI., und der Ministerpräsident des Königreichs Spanien, Mariano Rajoy, ein gewaltsames Vorgehen gegen das katalanische Volk befehlen sollten und dies zu einem Völkermord führen sollte, so wären sie gut beraten, sich zuvor des Falls von Slobodan Milošević zu erinnern.

Blastingnews dankt Professor Schönberger für das Interview. Auf Change.org hat der Professor eine Petition zur friedlichen Lösung des Konflikts unter dem Titel „Solidarität mit Katalonien“ initiiert.

Zum Teil1 kommen Sie hier. #Abspaltung